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September 2010

Der Mann, der sich Vertrauen verdient

Liebe Leserin, lieber Leser,

er spricht vier Sprachen, hat Medizin studiert und den Dr. gemacht. Jetzt putzt er Toiletten und scheuert Fußböden. Stoyan D. ist bulgarischer Abstammung.

Irgendwann haben wir uns kennen gelernt und ihn gebeten auch bei uns die Wohnung auf Vordermann zu bringen. Wenn er gegangen ist, "glänzt alles wieder", sagt meine Frau stolz.

Vor einigen Jahren hat er eine "Ich AG" gegründet, die in kurzer Zeit zu einem bescheidenen Kleinunternehmen avancierte. Wenn er kommt, muss er zunächst alles von der Seele reden, was sich im Laufe der Woche angestaut hat. Säumige Kunden, die ihre Rechnungen nicht pünktlich bezahlen und er Kredit aufnehmen muss, um seine Mitarbeiter entlohnen zu können: "Was geht sie meine Probleme an. Sie brauchen Geld zum Leben, genau wie ich", fügt er verständnisvoll hinzu."

Mein erster Eindruck war: Das ist ein Mann, der unbedingt Vertrauen verdient. So sind wir Freunde geworden. Der Vorteil, wenn man einen Arzt zum Freund hat, ist nicht zu unterschätzen. Verschreibt der Hausarzt ein bestimmtes Medikament nicht, weil die Kasse Schwierigkeiten macht, kein Problem Stoyan D. besorgt es.

Seine Kunden kommen fast aus allen Schichten der Bevölkerung. Da sind Ärzte und Professoren genauso, wie Journalisten, Geschäftsleute und Privatpersonen wie wir. Mit vielen seiner Kunden ist er per Du. Bei anderen muss er erst einen Kaffee trinken, bevor er den Staubsauger holt.

Einmal fragte ich ihn: "Du musst doch nach so vielen Jahren eine gute Menschenkenntnis haben! Woran erkennst du die Menschen?" Seine Antwort hat mich verblüfft: "Daran, wie sie ihre Toiletten hinterlassen, so, als ob sie nicht wüssten, dass auch andere diese benutzen möchten. Sie denken wohl: "Lass mal, morgen kommt ja Stoyan."

Nach seiner Maxime gefragt, antwortet er lapidar: den Ort sauberer verlassen, als er ihn vorgefunden hat. Trotzdem hat er manchmal den Eindruck, dass die Leute die Fussel aufheben, um sie ihm vor die Nase zu halten. "Aber das sind, Gott sei Dank Ausnahmen." Andere wiederum sind so vertrauensvoll, dass sie ihm ihre Wohnungsschlüssel anvertrauen.

Vertrauen ist überhaupt in diesem Beruf von großer Bedeutung. Man hat ja im Grunde Zugang zu vielen Stellen in der Wohnung. Nicht jeder verschließt alles vor fremden Blicken.

Stoyan D. könnte durchaus den Satz voll unterschreiben: Lieber Geld verlieren als Vertrauen. Dabei hat er wahrhaft nicht viel Geld. Er muss um jeden Kunden kämpfen.

"Was findest Du vor, wenn Du in die Wohnungen kommst?" "Alles, Kaffee -, Tintenflecken, Zigarrettenstumpen und Fingernägel." Andere wiederum sind genauso sauber, wie er sie zuletzt verlassen hatte. Trotzdem macht er seine Arbeit. Er will ja Geld verdienen und nicht etwas geschenkt bekommen. Allein darauf haben die Menschen Anspruch.

Das Putzen hat er bei seiner Mutter gelernt; "hat nicht so lange gedauert, wie das Medizinstudium", fügt er schmunzelnd hinzu.

"Was sagt Deine Mutter dazu, dass Du nicht als Arzt arbeitest?" "Ach ja, das ist ein heikles Thema bei uns. Sie kriegt immer noch Tränen in die Augen, wenn das Thema darauf kommt." "Aber was soll's, ich habe ja keine Anstellung als Arzt bekommen und zur eigener Praxis hat es nicht gereicht. jetzt nach 10 Jahren möchte ich auch nicht mehr. Ich bin glücklich auch als Putzmann." Recht hat er, wer sich zu schade für kleinere Arbeiten hält, ist meistens zu klein für wichtige Arbeiten.

Als ich ihn einmal fragte, ob er bereit wäre für eine Feier in der Gemeinde Tische zu decken und Kaffee zu kochen, stimmte er spontan zu. "Aber es gibt kein Geld." "Das kann ich mir schon denken. Man muss nicht alles nur für Geld machen, auch wenn man nicht reich ist."

Auf die Frage, bist du Christ, antwortet er nein. "Ich bin gar nichts." "Aber für gar nichts bist du sehr christlich gesinnt." Darauf sagt er nichts mehr. Im Grunde gibt uns Gott alles, bevor wir Christen werden.
 

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi


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