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Das Thema: September 2009


Die Kraft der Worte

 

Liebe Leserin, lieber Leser

haben Sie heute schon gesprochen? Leute, mit denen ich zu tun habe, sagen mir manchmal: Entschuldigen sie bitte, dass ich mich oft räuspern muss, ich habe heute noch nicht gesprochen. Wie gut haben wir es, dass einer da ist, zu dem wir sprechen können und dass uns immer die richtigen Worte einfallen, wenn wir sie brauchen. Ich kenne Menschen, die das von sich nicht sagen können. Sie sind auf Zeichen, Mimik und andere Ausdrucksformen angewiesen, zum Beispiel Gehörlose und Taubblinde. 

Jedes Buch besteht aus vielen Worten. Auch die Zeitung, in der Sie gerade lesen enthält neben ein paar Bildern lauter Worte. In der Bibel finden wir die größte Ansammlung von Wörtern. Sie bleiben dennoch tote Buchstaben, wenn wir sie nicht in den Mund nehmen und sie zu Wort kommen lassen. 

Gottes Wort sieht man es nicht an, dass es Gottes Wort ist. Aber man kann es hören und darauf antworten. Ich bin  Christ geworden, weil ich darauf gehört habe. Wenn Sie Ihr Kind zur Taufe tragen, dann haben auch Sie auf Gottes Wort gehört. 

Wörter sind nicht nur Ton und Klang. Sie sind auch etwas Physikalisches, wie Geräusche und sichtbare Spuren auf dem Papier. Jesus hat Tote auferweckt. Wir können tote Buchstaben zum Leben erwecken, wenn wir sie zu Wort kommen lassen. Das eine ist nicht weniger als das andere. 

Worte sind Träger von Kräften, die zur Entfaltung kommen, wenn sie gelesen und gehört werden. Ein Wort gesprochen zur rechten Zeit, ist wie goldene Äpfel auf silbernen Schalen, schreibt das Buch der Sprüche im Alten Testament. Sagen Sie einem freundlichen Menschen, "Sie sind so wertvoll". Sogleich werden Sie die Wirkung Ihrer Worte sehen und hören.

Worte können Traurige trösten und Kranken Mut zum Leben machen. Worte können aber auch Fröhlichen die Freude vertreiben. Sie können Menschen zum Lachen bringen und sie zu guten und bösen Taten motivieren. Oft warten wir vergeblich auf ein bestimmtes Wort, das uns weiter bringt. Ich schreibe, weil ich mit meinen Worten Glauben wecken und Glauben stärken möchte. Und ich tue es mit Worten auf dem Papier, weil ich nicht anders kann. 

Israel hat in schwierigen und entbehrungsreichen Phasen seiner Geschichte erfahren, dass materielle Güter allein zum Leben nicht ausreichen. Nach der Speisung in der Wüste mit dem Himmelsbrot Manna sagt Mose seinem Volk: "Der Mensch lebt nicht nur vom Brot, sondern von allem, was der Mund Gottes spricht (5.Mose 8,3) Später hat Jesus dieses Wort aufgenommen und in der Wüste dem Satan entgegen gehalten, der ihn dazu bringen wollte, dass er aus Steinen Brot zaubert. 

Gottes Wort ist ebenso wichtige Nahrung wie das Brot. Es nicht mehr zu vernehmen führt zu einem geistigen Hunger, der sich darin äußert, dass man glaubt von Gott vergessen und von seiner Zuwendung ausgeschlossen zu sein. Wie sich das anfühlt, hat es der Psalmbeter bitter erfahren müssen. Er sagt: "Ist's denn ganz und gar aus mit seiner Güte, und hat die Verheißung für immer ein Ende? Hat Gott vergessen gnädig zu sein, oder sein Erbarmen im Zorn verschlossen?." (Psalm 77,9.10) Dass Gott spricht, ist nicht selbstverständlich. Es gab immer wieder Zeiten, da waren seine Worte selten (1.Samuel 3,1) 

Manchmal wird eine Krankenschwester zum Nahrungsmittel, das ein Patient dringend braucht. Was nützt ihm da ein Büfett voller leckerer Speisen, wenn er hygienisch versorgt und in den Rollstuhl gesetzt werden muss.

Welch eine unschätzbare Entdeckung war es, als es unseren Vorfahren klar wurde, dass Gottes deutlichste Eigenschaft nicht die Herrschaft ist, sondern die Sprache. So etwas kann man nicht erfinden sondern es nur existentiell erfahren. 

Gott sehen, können wir nicht, aber ihn hören. Aus dieser Erfahrung ist der Glaube entstanden, der sich in den Texten der Bibel niedergeschlagen hat.

Abbas Schah-Mohammedi


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