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Das Thema:

Oktober 2011

Der Schnepfenvogel

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

Eine nordische Geschichte erzählt.

Ein Jäger ging in den Wald. "Schieße bloß nicht meine Kinder ab", sagte der Schnepfenvogel zu ihm.

"Und wer sind deine Kinder?" fragte der Jäger. "Die hübschesten Vögel sind meine Kinder," sagte der Schnepfenvogel.

"Ich werde mir Mühe geben deine Kinder zu schonen," erwiderte der Jäger und ging weiter.

Als er zurück kam, hielt er einen ganzen Bündel Vögel in der Hand.

"Ach nein, ach nein, du hast doch alle meine Kinder getötet," sagte der Vogel.

"Sind das deine Kinder? Ich habe nur die Hässlichsten abgeschossen", sagte der Jäger.

"Ach was, weißt du nicht, dass jeder nur das Beste an seinen Kindern sieht?"

So sieht auch Gott seine Menschen an, mit Augen voller Liebe und Zärtlichkeit.

Wenn ich in der Bibel lese, höre ich Gott reden. So, wie Jesus ist, ist auch Gott.

Jesus hat ein weiches Herz. Er lässt sich berühren von dem, was er sieht und hört. Zu kleinen Kindern setzt er sich. Nimmt sie hoch, drückt sie an sein Herz und segnet sie.

Nicht anders hat ja wohl auch der alte Simeon mit dem kleinen Jesuskind im Tempel gemacht. Vielleicht haben ihm seine Eltern davon erzählt.

Jürgen Werth, Jahrgang 51 hat dazu ein Lied gemacht. Es geht so:

"Jesus liebt Kinder, habt ihr euch das vorgestellt?

Jesus liebt Kinder, ruft es laut in alle Welt.

Habt ihr euren Freunden schon erzählt?"

Jesus weint über Jerusalem, weil er weiter sieht, als nur was vor Augen und Füßen ist. Die Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahre 70 gibt ihm recht. Jesus trauert mit den Schwestern von Lazarus und hat tiefes Mitgefühl mit der Witwe, die ihren Sohn zu Grabe trägt. Zu Sündern und Zöllnern setzt er sich, Menschen, die heute vielleicht andere Namen haben. Er besucht sie Zuhause, isst, trinkt und feiert mit ihnen, weil er ihnen nicht anders verständlich machen kann, dass sie von Gott geliebt und angenommen sind.

Die Liebe ist eine Sache des Herzens und nicht des Kopfes.

Die Geschichte vom Zöllner Zachäus im Lukasevangelium ist ein deutlicher Beleg dafür. Er zählte vielleicht zu den größten Betrügern seiner Zunft. Der Besuch Jesu in seinem Haus, der unvorbereitet und unerwartet kam, brachte die Wende seines Lebens. Er sagt zu Jesus, dass alle, Gäste und Familienangehörige es hören: "Siehe, Herr, die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen, und wenn ich jemand betrogen habe, das gebe ich vierfältig wieder." Jesus aber sprach zu ihm: "Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn" und hat Anteil an allen Gütern des Himmels (Lukas 19,8.9).

Der Wandel ist die Frucht der Dankbarkeit, dass ich von Gott akzeptiert bin. Egal wer wir sind, Gott mag uns, nicht weniger als jene, die ihm alles recht machen.

Jesus drückt in seinem Verhalten die Gefühle Gottes aus. Weil Gott es uns nicht sagen kann, sagt es Jesus. Und wir glauben ihm das.

Zum ersten mal spricht es einer aus und führt vor, was Gott denkt und fühlt.

Das Mitleid und die Barmherzigkeit gehören dem Herzen, nicht dem Kopf; und das Herz hat eigene Wege zur Quelle, aus der es schöpft. Hinter die Gründe des Herzens kommen wir nicht mit Verstandesmitteln.

Nun gehen nicht alle Menschen so liebevoll miteinander um, wie Jesus. Er war und ist ein besonderer Mensch. Aber vielleicht kann er uns ja dazu bringen, dass wir werden wie er. Ich kenne Menschen, die so sind wie er. Sie sind deshalb nicht ein zweiter Jesus, aber sie leben und handeln nach seinem Muster.

Sein, wie Jesus war, ist und bleibt wohl der Traum vieler Christen auch heute.

 

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi