Startseite
uhr
   

Das Thema:

Oktober 2010

Telefonandacht

Liebe Leserin, lieber Leser,

ein Leben lang habe ich versucht nach dem Motto zu arbeiten: Sprich so, dass du wenig redest und viel sagst. Ist mir aber nur selten gelungen. Meine Predigten haben immer mehr Worte enthalten, als das, was man gerne davon mit nach Hause nimmt; viel Schaum und wenig, was den Durst löscht.

Jetzt, da ich meine Predigten zählen kann, die ich in einem Jahr halte, frage ich mich, hat sich da noch etwas geändert?

Eine Andachthörerin schreibt mir: Ich höre oft Ihre Telefonandachten, besonders, wenn ich von Menschen enttäuscht worden bin und Trost brauche. Manchmal geben sie mir was, manchmal nicht. Andererseits staune ich über mich selbst, warum die selbe Andacht, die mich gestern unbeeindruckt gelassen hat, heute in der Wiederholung anrührt. Von daher finde ich es gut, wenn sich die Andachten wiederholen. Allerdings vier mal die selbe Andacht im Monat ist zu viel.

Ich danke dieser jungen Frau für ihr offenes Wort. Ebenso offen möchte ich darauf antworten. Ich würde gern für jeden Tag eine neue Andacht machen, wenn ich keine anderen Aufgaben noch hätte. Dann könnte ich meine ganze Kraft und Zeit darauf verwenden.

Den Vorzug der Telefonandachten sehe ich allerdings auf einer anderen Ebene. Ich kann sie immer dann hören wann es mir passt. Dafür habe ich 24 Stunden Zeit. Ich habe aber auch die Freiheit den Hörer aufzulegen, wann es mir beliebt. Vielleicht ist der andere Hörer nach oder vor mir sogar dankbar für diese Andacht.

Ähnliche Erfahrung mache ich, wenn ich in der Bibel lese. Nicht immer bin ich gesegnet, wenn ich die Bibel zuklappe. Nicht immer tröstet mich, was ich gelesen habe. Dennoch ist die Zeit nicht verloren, die ich mit der Bibel zubringe. Oft ist es ein Gedanke nur, der mit mir geht durch diesen Tag. Zu mehr reicht es meist nicht. Aber wenn dieser eine Gedanke mit einem Erlebnis zusammen trifft, kann er zum Kommentar werden.

Die Mutter sagte dem 8 jährigen Felix jedes mal, wenn er das Haus verließ um in die Schule zu gehen: Pass auf, wenn du dort über die Straße gehst. Er hatte es so oft gehört, dass er nicht mehr hinhörte. Aber wenn er an der Ampel stand, fielen ihm wieder die Worte der Mutter ein und er passte auf.

Was geht wohl in uns vor, dass uns Dinge einfallen, wo wir sie nicht erwarten? Der Volksmund sagt, "die Gedanken sind frei". Sie kommen und gehen, wann immer sie wollen. Sie sind der Bereich, wo unsere Phantasie Zuhause ist. Es hat auch mit unserer augenblicklichen inneren Verfassung zu tun, ob uns ein Text anspricht oder nicht.

Wir hatten beide den gleichen Gottesdienst besucht und die gleiche Predigt gehört. Während meine Frau beschenkt den Kirchenraum verließ, hatte ich viele Fragen und Einwände. Am nächsten Sonntag könnte es umgekehrt sein.

Die Bibel hat ihren Wert nicht allein darin, dass sie Gottes Wort ist, sondern dass sie mir etwas zu sagen hat. Ich brauche die Bibel, weil allein sie mich tröstet, wenn ich Trost brauche. Wenn Menschen mich im Stich lassen, wird Christus mir zum Freund. Wenn sie mir den Frieden nehmen, schenkt er mir seinen Frieden. Wenn sie mein Recht mit Füßen treten, tritt er für mich ein. Meine vielen Fragen kommen zur Ruhe, weil er mir zur Antwort wird.

Ich brauche aber auch die anderen Bücher. Die Bibel ist kein Ersatz für sie und sie sind kein Ersatz für die Bibel.

Ich sage mir manchmal, wenn ich allein bin und keiner mir zuhört: Gott, jetzt kannst du kommen. Und er kommt. Manchmal höre ich eine Stimme in mir, die sagt, ich sollte das und das tun. Und dann kommen viele Entschuldigungsgründe, die mich verunsichern. Dabei ist es gut das zu befolgen, was ich selber für richtig halte und entsprechend zu handeln. Wenn ich nach einer Entscheidung inneren Frieden verspüre, dann war es richtig. Wenn aber nachher Unruhe und Zweifel zurück bleiben, dann ist das oft ein Zeichen dafür, dass ich das Falsche gewählt habe. Gutes ruft immer zur Liebe und zum Leben auf.


 

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi


zurück zur Übersicht