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Das Thema: Oktober 2009


Sechs  Richtige

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

vor 200 Jahren wurde Louis Braille bei Paris geboren. Im Vorschulalter erblindet, entwickelte er 1825 im Alter von 16 Jahren die nach ihm benannte Brailleschrift. Sie basiert auf 6 Punkten, die in allen Sprachen und Blindenschulen der Welt gelehrt wird. 

Die Schrift ist genial und variabel zugleich. Aus sechs Punkten lassen sich 64 Zeichen kombinieren, die auch für Kurzschrift, Mathematik, Physik und Chemie verwendet werden. Man kann sich damit Notizen machen und Briefe schreiben. Auch Musiknoten sind möglich. 

Vor 100 Jahren waren Blinde noch dazu prädestiniert ihren Lebensunterhalt durch handwerkliche Tätigkeiten wie Bürstenbinden und Körbeflechten zu verdienen. Die Punktschrift eröffnet ihnen heute auch den Zugang zu gehobenen Berufen. 

Die Punktschrift Maschine macht es sogar möglich, dass Blinde schneller schreiben als Sehende mit der Hand. Mit dem Computer arbeiten, E-Mail verschicken und im Internet surfen, ist auch für Sehbehinderte kein Problem mehr. 

Dennoch beherrschen von rund 160.000 Blinden und 500.000 Sehbehinderten in Deutschland nur etwa 20 % die Brailleschrift. Das liegt daran, dass über 70 %  von ihnen mehr als 60 Jahre alt sind und nur unter großen Mühen noch die Punktschrift lernen könnten. Der Tastsinn lässt mit dem zunehmenden Alter nach. 

Die Herstellung von Punktschriftbüchern und Zeitschriften ist sehr aufwendig. Die Lutherbibel besteht aus 32 dicken Bänden. Sie nimmt  im Regal etwa 2 Meter Raum ein. Allein der Stammteil des Evangelischen Gesangbuches umfasst drei Bände, fast unmöglich es in den Gottesdienst mitzunehmen.
Nur wenige Blinde verfügen über eine Bibel.

Ein Buch aufzuschlagen und mit der Hand über die Punkte zu fahren ist und bleib auch für Sehende Menschen ein unvergessliches Erlebnis. 

Ich kann mir mein Leben ohne die Blindenschrift nicht mehr vorstellen. Als ich studierte, gab es so gut wie keine theologischen Bücher in Brailleschrift. Ich war darauf angewiesen, dass mir die Fachliteratur vorgelesen wurde. Dadurch konnte ich mein Gedächtnis trainieren, was mir heute sehr zugute kommt. 

Ich habe die Bibel mehr als einmal gelesen, auch die Teile, die ich am liebsten weggelassen hätte. Ja, auch unliebsamen Texten kann man bisweilen etwas Gutes abgewinnen, wenn man es mit gläubigen Herzen liest. 

Ich nehme jeden Buchstaben einzeln unter meinem "Lesefinger". Das Gefühl, das man dabei hat, kann man Unbeteiligten nur schwer vermitteln. Zunächst ist es nur ein diffuses Gribbeln in den Fingern. Aber dann kommt der Moment, wo das Herz lacht und der Geist jauchzt: Ja, ich habe es begriffen. 

In meiner Bibel stehen 8,5 Millionen Punkte. Wenn meine Finger über die Punkte gleiten, Punkt an Punkt, Buchstabe an Buchstabe, Wort an Wort fügen, bis ein Sinn sich mir erschließt, dann danke ich Gott für meine Finger. Ich lese und in mir wird es hell. Mit keinem anderen Licht der Welt wollte ich dieses Licht tauschen. 

Die Augen und Ohren sind vielleicht noch flinker. Aber was solls, wenn man nur die Hände hat! Was da auf dem Papier steht muss buchstäblich zuerst unter die Haut, um zum Kopf zu gelangen.

Ich komme aus dem Staunen nicht heraus, wie viele Wege Gott noch kennt, um unser Herz zu erreichen. Am Herdfeuer beim kochen genau so, wie im Stall beim Kühe melken und Schweine füttern. Martin Luther sagt: ein Saustall kann ein heiliger Ort sein, wenn darin recht gebetet wird. Ich habe gestern auch schon gestaunt und staune heute wieder, als staunte ich zum ersten  mal.

Es tut mir nicht gut um das zu trauern, was ich nicht habe. Ich möchte mich vielmehr freuen für das, was mir jeden Tag neu geschenkt wird.

Im Laufe meines Lebens ist mir ein Bibelwort zur Kraftquelle geworden: "Dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat." (1.Petrus 4,10) 

Ich bin nicht nutzlos. Mit meiner Blindheit habe ich eine Aufgabe für andere bekommen. Wenn ich mich um andere kümmere, brauche ich mich nicht immer nur mit mir selbst zu beschäftigen. Ich habe nicht alles verloren. Ich brauche nur das einzusetzen, was ich habe und was ich kann. 

Das Museum für Kommunikation in Berlin, Leipziger Str. 16 würdigt Louis Braille mit einer Ausstellung, die bis zum 13. Dezember geht. Unter dem Thema "Sechs Richtige", wird den Besuchern die Entwicklung der Blindenschrift von der Pike an gezeigt. Wer will, kann dort seinen Namen in Brailleschrift notieren. Fünfzehn Punkte sind nötig, um den Namen Gottes zu schreiben.

Abbas Schah-Mohammedi


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