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 November 2008

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie aus Langeweile schalte ich das Radio ein. Der erste volle Satz den ich höre geht mir nicht mehr aus dem Sinn: "Man kann alles verspielen, Gottes Liebe aber nicht.", Wo ich gehe und stehe, ist dieser Satz wie ein Ohrwurm bei mir und beschäftigt meine Gedanken. Ich muss unbedingt etwas schreiben, um ihn endlich loszuwerden. Dazu fallen mir viele Geschichten ein. Die Vornehmste hat Jesus erzählt. Sie steht im Lukas Evangelium im 15. Kapitel. Es ist die Geschichte vom verlorenen Sohn. Ich kann sie nur so wiedergeben, wie sie sich noch heute tausendfach ereignet. Der Sohn hatte sich vermutlich im Streit von den Eltern getrennt; hatte sich sein Erbe auszahlen lassen und war unbekannt verzogen. Dort gab er alles in vollen Zügen aus und lebte in Saus und Braus. Was noch blieb verspielte er mit unlauteren Freunden. Zuletzt war er völlig Pleite. Seine Klugheit hatte ihm nicht geholfen. Als er nichts mehr in den Taschen und Bauch hatte, besann er sich seiner Eltern. Nicht der Kopf, nur noch was das Herz ihm sagte, befolgte er. Er schrieb einen Brief, den er an seinen Vater sandte: "Nächste Woche, Sonntag, wenn die Kirchenglocken läuten, werde ich an Eurem Haus vorbei fahren. Hänge bitte ein weißes Laken an den Apfelbaum, wenn Ihr mich noch sehen wollt. Dann will ich aussteigen." Den Apfelbaum gab es nicht mehr und der Vater war tot, als die Mutter den Brief im Altersheim erhielt. Die Schwester las ihr den Brief vor: "... wenn Ihr mich noch sehen wollt ..." Bei diesen Worten rannen der Mutter die Tränen auf  das Kopfkissen. Sie wollte etwas sagen, aber der Hals war ihr wie zugeschnürt. Mit der Hand zeigte sie zum Schrank. "Drüben Schwester" sagte sie und versuchte zu sprechen, "ist ein Umschlag für Sie, alles, was ich für diesen Tag gespart habe. Bitte gehen Sie und tun Sie, was mein Sohn schreibt. Ich möchte ihn noch einmal sehen. Den Apfelbaum gibt es nicht mehr. Mein Mann hat ihn raus machen müssen. Aber es sind noch genug Bäume im Garten." Als der Zug am Haus vorbei fuhr, stand der Sohn am Fenster. Er traute seinen Augen nicht. Alle Bäume und Sträucher im Garten waren mit weißen Tüchern behängt. Er trat vom Fenster zurück und vergrub das Gesicht im Ärmel. Am Bahnhof stand niemand, den er kannte. Er hatte auch keinen erwartet. Schweren Schrittes ging er den Bahnsteig entlang, vorbei an einer Frau in Schwesterntracht, die wie zum Zeichen ein weißes Tuch hoch hielt. Ihre Blicke streiften sich kurz. Sie schaute an ihm vorbei zu denen, die mit Koffer und Taschen bepackt zum Ausgang strebten. Aber der, auf den sie wartete war nicht unter ihnen. Der Bahnsteig leerte sich langsam. Plötzlich, wie von einer Eingebung beseelt, wandte sich die Schwester um und rannte über den Bahnsteig dem jungen Mann in Bettelkleidung hinterher. Sie traf ihn vor der Haustür. Die Schwester schloss die Tür auf. Er aber wollte nicht eintreten. Sein Gesicht verfinsterte sich. Er zählte die Jahre. "Tot?" fragte er. "Nein, nur Ihr Vater. Ihre Mutter lebt bei uns im Heim. Sie möchte Sie sehen. Wir könnten auch gleich zu ihr gehen."

"Und Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde." (Joh.8,6) Was Jesus in die Erde geschrieben hat, kennt niemand, außer die heimgekehrten verlorenen Söhne und Töchter Gottes: Es gibt nichts, was so schlimm wäre, das Gott nicht vergeben wird.

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi

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