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Mai 2012

Es gibt nur Weniges, das am Ende nicht seinen Glanz verliert. Ich bin an vielen Gräbern gestanden. Aber immer nur im Dienst. Nun, da ich selber vom Leid betroffen bin, habe ich dem Tod ins Auge geschaut. Oh tiefer Abgrund. Ich habe mich zu Hiob gesetzt. Aber er konnte mir nicht helfen. Wir haben uns nur umarmt. Ich habe die Eltern gefragt, deren beide Söhne an ein und demselben Tag starben: wie macht ihr es? Sie sagten: Was man geliehen bekommen hat, muss man auch zurück geben. Ach ist es schwer dazu Ja zu sagen. Leiden ist der Preis der Liebe.

Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muss man leben. (Mascha Kaléko)


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

ich danke Ihnen, dass Sie mir helfen, über die Zeit der Trauer hinweg zu kommen. Ich weiß,
mein Schmerz ist nicht größer, als der von anderen. Und doch erscheint er mir schier
unerträglich. Ich wandere auf den Spuren, die meine Frau hinterlassen hat. Es sind Spuren der
Liebe. Alles, was ich ihr zu sagen hatte, habe ich ihr im Krankenhaus gesagt. Und doch blieb
das Letzte ungesagt. Die Hoffnung war stärker. Oft genug hatte sie mich begleitet, wenn ich an
Sterbebetten stand oder hinter einem Sarg herging. Sie teilte mit mir ihre Augen.
Ich hatte ihr einen Bronzeengel ins Krankenhaus mitgenommen, wie jeder von unserer Familie
einen hat. Einmal erzählte sie von einem Wachtraum. Ein Engel in weißem Gewand stand bei
ihr und ein großer Chor sang Lieder, die sie auch kannte. Erst jetzt, hinterher beginne ich zu
ahnen, was sie mir da anvertraut hat.


Ich danke allen von Herzen, die in großer Zahl meiner Frau das letzte Geleit gegeben haben:
Freunde und Weggefährten, Kolleginnen und Kollegen. Für mich und meine Familie eine
nachhaltige Stärkung. Ich danke auch Pfrn. Birgit Zander für die Andacht in der Kapelle.
Viele haben mir geschrieben, Briefe geschickt und Emails. Und viele haben angerufen und
meiner Tochter und mir das gewünscht, was ihnen kostbar war.
Eine Diakonisse aus Karlsruhe schreibt und schickt mir einen Text von Dietrich Bonhoeffer.
Daraus hier einen Satz: "Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen
ersetzen kann, und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es einfach aushalten
und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn
indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden."
Gerne lasse ich mir das sagen. Noch spielt die Freude mit mir ein Versteckspiel und keiner
geht sie suchen. Zu groß ist der Verlust. Immer wollte ich vor meiner Frau sterben. Aber Gott
hat nicht auf mich gehört. Nun ist mir der Himmel noch näher gerückt, weil sie dort ist. Jetzt, wo
mir alle Möglichkeiten genommen sind, ihr Gutes zu tun, bete ich nur noch:
Ich sagte zu dem, der in der Tür des Himmels stand, hast du sie gesehen? Die immer zurück
schaut, ob sie mich sieht, das ist sie. Gib Acht auf sie.


Den folgenden Text aus dem Buch „Klang der Stille“ habe ich an ihrem Sarg gebetet, für sie
und für mich:
Komm Engel, komm näher, ich sehe dich nicht; ich ahne dich nur.
Halte Wache an meinem Bett, wenn die Sonne über mir untergeht.
Komm Engel, komm, keiner ist da, der mich hält, wenn die letzte Bitte verklingt.
Komm Engel, komm, sag ein Wort, das mich stärkt, für die letzte Strecke Weg.
Komm Engel, komm, nimm mich mit, wenn du gehst von hier.
Denn wo du bist, will auch ich zu Hause sein.  

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi

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