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Das Thema:

Mai 2010

Zeugen der Auferstehung

Liebe Leserin, lieber Leser,

Neulich las ich in einer Zeitschrift: Der Atheismus ist in Europa im Vormarsch. Ihm ist nur mit Argumenten beizukommen. Der Göttinger Theologe Gerd Lüdemann, der sich vom christlichen Glauben losgesagt hat, antwortet auf die Frage, ob Jesus lebt, folgendermaßen:

"Jesus lebt so, wie Goethe lebt. Er lebt in den Phantasien und Gedanken der Menschen. Das Grab Jesu war nicht leer, sondern voll und sein Leichnam ist nicht entwichen, sondern verwest."

Wie gut habe ich es. Mein Glaube braucht das Argument des leeren Grabes nicht. Mein Glaube beruht auf dem Zeugnis derer, die nach Ostern Jesus begegnet sind. In den Zeugnissen der Jünger steckt so viel Sprengkraft, die in der Lage ist meinen Unglauben zu überwinden.

Allein dieses Zeugnis ist es, das Sonntag für Sonntag weltweit Millionen Menschen in die Kirchen ruft. Dafür haben Petrus und Paulus und unzählige andere bis in unsere Tage ihr Leben gelassen. Also das Zeugnis der Jünger führt die Leser und Hörer zum Glauben und nicht das Argument des leeren oder vollen Grabes.

Wir müssen keine Wunder erlebt und keine eigenen Ostererscheinungen gehabt haben, um glauben zu können. Das Neue Testament beschreibt nicht den Vorgang der Auferstehung. Es berichtet vielmehr über das Zeugnis derer, die Jesus begegnet sind, nachdem er auferstanden war.

Zuerst waren es nur wenige Leute - ein paar Frauen und Männer, die sich gegenseitig von der Osterbotschaft anstecken ließen. Jetzt sind es Millionen, die ihr Leben danach ausrichten. Sollen die Vielen einem Spuk oder Märchen gefolgt sein? Schwer das anzunehmen.

Der Dichter Heinrich Heine, von Krankheit gezeichnet schreibt am Ende seines Lebens: "weder eine Vision, noch eine Engelserscheinung, noch eine Stimme vom Himmel, auch kein merkwürdiger Traum oder sonst ein Wunderspuk brachten mich auf den Weg des Heils, ich verdanke meine Erleuchtung ganz einfach der Lektüre eines Buches, eines alten, schlichten Buches. Ein Buch, das anspruchslos aussieht wie die Sonne, die uns wärmt, wie das Brot, das uns nährt. Und dieses Buch, ist die Bibel. Wer seinen Gott verloren hat, der kann ihn in diesem Buch wiederfinden, und wer ihn nie gekannt, dem weht hier entgegen der Odem des göttlichen Wortes. Bei dieser Lektüre sollte man die Schuhe ausziehen wie in der Nähe von Heiligtümern."

Wunderschön die Formulierung: "Wer seinen Gott verloren hat, der kann ihn in diesem Buch wiederfinden, und wer ihn nie gekannt, dem weht hier entgegen der Odem des göttlichen Wortes." Wir brauchen nicht mehr als Die Bibel. Unsere Vorfahren haben auch nicht mehr gehabt.

Was mich ein Leben lang beschäftigt, ist die Frage, wie können wir einfachen Leute Zeugen der Auferstehung werden? Was kann ich dafür tun, damit auch mein Glaube so ansteckend wirkt, wie der von Petrus und Johannes? Müssen wir andauernd davon reden und unseren Freunden und Bekannten auf die Nerven gehen? Nein, das müssen wir nicht. Aber leben wie einer, der seine Hoffnung auf den auferstandenen Christus gesetzt hat; das müssen wir schon. Wenn wir anderen Hoffnung machen wollen, brauchen wir selber Hoffnung.

Bei der Geschichte von der Auferstehung Jesu von den Toten geht es nicht darum, eine unglaubliche Geschichte für wahr zu halten. Vielmehr geht es um die Frage: glaubst du, dass Gott dich aus den Krallen des Todes befreien kann? Befreien nicht allein am Ende deines Lebens, wenn du gestorben bist, sondern befreien auch jetzt und hier in diesem Leben.

Der Mensch ist das einzige Wesen, das um seinen Tod weiß. Im Grunde sind Lebenskrisen, jede Krankheit und jeder Unfall, jeder Trauerfall und jede Enttäuschung, die wir durchmachen in gewisser Weise kleine Tode. Sie könnten uns zum letzten Tod führen, wenn Gott uns nicht herausführen würde.

Der Osterglaube der Jünger ist nicht entstanden, weil bewiesen werden konnte, dass das Grab leer war. An keiner Stelle berufen
sich die Jünger Jesu auf das leere Grab, sondern stets auf die Begegnung mit Jesus nach Ostern.

Der Vorgang der Auferweckung fand jenseits menschlicher Beobachtung statt. Das allein ist Inhalt unserer Predigt. Wir können auch sagen: Die Auferstehung ist als Wunder zu verstehen, als Eingreifen Gottes in unsere Welt, menschlichem Begreifen entzogen und dennoch empfänglich für den Glauben.


 

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi


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