Startseite
uhr
   

Das Thema:

März 2010

Schneeflocken, die fallen

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

Sicher stimmen Sie mir zu. Von Schnee haben wir jetzt alle genug, außer die Kinder. Neulich schrieb mir ein junger Mann, der einen langen weißen Stock trägt:
Ich habe genug vom Schnee; hatte ich doch gerade angefangen mich mit meinem Schicksal anzufreunden, da kam dieser Winter. Alle Mühe war umsonst.

Wenn ich die Straße überquere, weiss ich nicht, wo sie beginnt und wo sie endet. Immer sind auch nicht Menschen da, die ich fragen könnte. Ich höre meine Schritte nicht mehr. Der Schnee ist leise und meine Schritte ängstlich. Ich führe schon Selbstgespräche, damit ich die Straßenführung im Ohr behalte. Gott denkt wohl nicht an Leute wie uns. Er muss ja nicht zu Fuß gehen.

Seien Sie beruhigt, schrieb ich zurück. Gott hat Sie nicht vergessen, wie auch mich nicht. Auch meine Frau hat Schwierigkeiten mit dem Straßenüberqueren. Und sie kann gut sehen. Wir wohnen an einer Privatstraße, die nicht geräumt wird.

Mein Freund, der uns in der vergangenen Woche besuchte, meinte, "In eurer Straße sieht es ja aus wie im Gebirge." Recht hat er, der zu uns mit seinem Auto über dieses "Gebirge" kam.
So schlagen wir uns durch und denken eines Tages wird der Spuk ein Ende haben.

Ich habe mir Speiks für die Schuhe gekauft. Wir haben es ausprobiert, man kann damit rutschsicher laufen. Als auch meine Frau kaufen wollte, waren sie ausverkauft. Jetzt gehen wir zu zweit einkaufen. Zusammen sind wir stärker, als die "Buckelpisten", wie die Berliner humorvoll die Schneeberge nennen. Meine Frau hat immer schon ihre Augen mit mir geteilt. Jetzt teile ich mit ihr meine Speiks. Was für ein banaler Vergleich!

Ich kannte eine Frau, sie hatte im Krieg ein Auge verloren. In der Gemeinde sah man sie immer nur zu dritt. An jedem Arm führte sie einen Vollblinden. Ein Auge für drei! Man kann alles teilen: Den Platz am Tisch, das Brot im Kasten, die Wärme im Ofen und das Licht der Augen. Nichts ist auf dieser Erde, das nicht teilbar wäre. Auch die Sonne und das Wasser, jedes Buch und jede Nachricht. Selbst das Fasten steckt an, wenn man es gewinnbringend einsetzt.

Ich habe mich oft gefragt, was hat Jesus vorher gemacht, bevor er ans Licht der Öffentlichkeit trat? Jetzt weiß ich es. Er hat gefastet, Schweigen gelernt und auf Gott gehört. Einer hat mal gesagt: "Zwei Jahre braucht der Mensch, um das Sprechen, ein Leben lang aber, um das Schweigen zu lernen."

Es gibt einen Kommentar zum Fasten, den Jesus geschrieben hat. Das sind die vierzig Tage, die er in der Wüste im Fasten und Beten zugebracht, bevor er seine erste Predigt in Nazareth gehalten hat.

Was Gott uns sagen will, sagt er es leise. In der Predigt und im Gebet, draußen wenn die Vögel singen und die Kinder spielen. "Was es wert ist zu haben, ist es alle mal wert darauf zu warten", hat die amerikanische Schauspielerin Marylin Monroe gesagt.

Ich brauche jeden Tag ein paar Minuten für mich, abseits von Lärm und Hast. Dann habe ich wieder mehr Kraft, mehr Hoffnung, mehr Mut und Frieden. Es ist mir unendlich wichtig, dass Jesus nicht als Gott zur Welt kam, sondern als Mensch. Auch er musste alles lernen und üben, um es zu können, genau wie wir. Was gut ist, braucht eben Zeit.

Ich setze mich hin, wenn ich bete. Jesus hat nieder gekniet im Wüstensand. Das imponiert mir, bleibe aber bei meiner Gewohnheit. Und das, nicht allein, weil es bei uns keine Wüste gibt. Wüste ist immer dort, wo auf Gott gehört wird.

In unserem Dorf, wo ich meine Kindheit verbracht habe, gab es lange Zeit keinen Arzt. Alle gingen zu den Kräuterfrauen. Später als ein Arzt hinkam, zog mit ihm auch die Hoffnung ein. Kranke gibt es noch heute, aber Hoffnung auf Genesung auch.

Kehren wir zurück zu den Buckelpisten auf Berliner Straßen.
Ich laufe im Schnee,
über den Schnee,
über Schneeflocken, erstarrte Wassertropfen unter meinen Füßen.
Ich spüre ihre Abwehr,
spüre ihre Kraft durch Speiks und dicke Schuhsohlen.
Aber sie kommen gegen mein Körpergewicht nicht an.
Sie rücken zusammen,

verdichten sich zu einem Berg,
erstarken und leisten mir erbitterten Widerstand.
Ich gehe in die Knie,
greife in den Schnee und nehme eine Schneeflocke zwischen zwei Finger.
Ich denke mir, dass es eine ist.
Die es wissen müssen sagen,
jede Schneeflocke besteht aus sechs eckigen Eiskristallen und viel Hohlraum darin. Ich kann aber die Ecken und den Hohlraum nicht spüren.
Sollte das vielleicht die Erklärung dafür sein,
warum es draußen leise ist, wenn es geschneit hat?

Der junge Mann konnte seine Schritte deshalb nicht hören, weil der Schnee unter seinen Füßen die Schallwellen verschluckte.
Während ich so reflektiere, habe ich nur nasse Finger in der Hand und nichts sonst.

Gott hat alles weise gemacht: die Haare auf unserem Kopf gezählt und die Schneeflocken, die fallen. Unglaublich. Aber unmöglich ist es nicht. Man muss Gott bewundern, dass ihm das wichtig ist.

 


 

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi


zurück zur Übersicht