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Das Thema: März 2009

Augenblicke der Nähe

Liebe Leserin, lieber Leser,

als ich diesen Text für Sie schrieb, war das Jahr gerade mal sechs Wochen alt. Nur unser Enkelsohn ist noch jünger.

Was erwarten wir nicht alles von dem noch so jungen Jahr: Gesundheit und Glück, etwas mehr als im vorigen Jahr. Dass die Preise niedrig bleiben und das Konto wieder steigt. Dass der Aprikosenbaum im Garten wieder trägt, nachdem es zwei Jahre ausgesetzt hat. Dass es weiterhin friedlich bleibt in unserm Land und Stadt und Frieden auch dorthin kommt, wo jetzt Krieg ist und Streit. Dass die Freundschaften lange halten, die gerade geschlossen und die Ehen, die kriseln morgen nicht auseinander fallen. Dass Mutter und Vater sich noch eine Weile haben und der Junge im Nachbarhaus einen Passenden Job findet. Dass die Kranken wieder genesen und die ohne Hoffnung sind eine Entdeckung machen, die ihrem Leben die Wende gibt. 

Die Frau, die mir ihre Lebensgeschichte erzählt hatte, fragte mich einfältig: Meinen Sie, dass ich meine unheilbare Krankheit verliere, wenn ich nur genug Glauben habe? Nein sagte ich und suchte nach passenden Formulierungen um die Härte meiner Antwort abzumildern. Nein, das nicht und dennoch bin ich überzeugt, Sie werden an sich ein Wunder erleben, wenn Sie ihren Leib nicht mehr hassen, weil Gott Sie liebt. Sie wissen doch, der, den wir heute ablehnen, stellt sich morgen gegen uns. 

Am 31. Dezember, heute genau in 46 Wochen wird das Jahr, das heute noch so jung ist im Greisenalter sich für immer von uns verabschieden. Dann werden wir uns wieder fragen: Was hat es denn uns gebracht, das gute alte Jahr? Was hatten wir uns nicht alles vorgenommen: Mit dem Rauchen aufhören, weniger trinken, mehr Sport treiben, gesünder leben. Uns mehr um die Familie kümmern und die Kinder. Gute Vorsätze, die alle auf der Strecke geblieben sind oder fast alle. 

Das Telefon klingelt und eine Stimme fragt: Können Sie am 3. März eine Beerdigung übernehmen? RK ist gestorben.

Wer, frage ich zurück und habe es doch richtig verstanden. Mir stockt der Atem. Am liebsten würde ich in den Hörer hinein rufen: Lassen Sie mir etwas Zeit mit der Antwort, aber das Telefon kann nicht warten. Statt dessen sage ich: Gleich rufe ich zurück. Ich weiß, dass auch meine Tage gezählt sind. Aber ich kann mich damit nicht abfinden. Werde ich mich je damit abfinden können? Die Sache auf sich beruhen lassen, nicht mehr davon reden, das ja, aber aus vollem Herzen dazu ja sagen und etwas Sinnvolles damit anfangen, das braucht Zeit, viel Zeit. Und diese wiederum steht in Gottes Händen (Psalm 31,16)

Wie viele Jahre habe ich noch? Oder wie wenige noch? Das Unverhoffte und unerwartete ist nicht planbar. Wie gut, dass der Segen für mein Leben von dort kommt, wo meine Zeit gut aufgehoben ist. 

Ich habe zurück gerufen, nicht gleich aber bald. Ja, ich werde die Trauerfeier halten. Ich werde doch meinem alten Freund die letzte Bitte nicht abschlagen.

Noch stehen wir im ersten viertel des neuen Jahres. Noch kann sich Vieles tun, in uns und um uns her. Aber nicht von allein. Jeder muss seinen Beitrag dazu leisten. Was würde Mose tun, wenn er heute wieder käme? Das Wasser im Meer teilen? Das wohl nicht mehr. Wir können jetzt über das Meer fliegen und uns anders der Gefahr entziehen. Aber vielleicht würde er wieder die eherne Schlange aufrichten. Sie wissen doch, wer von den Israeliten in der Wüste von der Schlange gebissen worden war und zu ihr aufschaute blieb am Leben (4.Mose 21,9). Töricht, möchte man sagen. Doch auch Christen sehen darin einen Fingerzeig Gottes auf das Kreuz Christi, von dem Paulus sagt: "den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit". Denen aber, die daran glauben, bringt das Kreuz Christi Heil und Rettung. (1.Kor. 1,23.24)

Mein Freund fällt mir wieder ein. Beziehungen haben auch einmal ein Ende, wie das Jahr. Augenblicke der Nähe gehen mir durch den Kopf, die uns zu Freunden gemacht haben. Warum gerade diese Auswahl und nicht andere? Vielleicht weil die Seele sie jetzt braucht? Lass stehen, was du nicht verstehst. Ein wenig Melancholie tut der Seele auch gut.

 

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi


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