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März 2012

Wie aus der Schwäche Kraft wird


Liebe Leserin,lieber Leser,

Wie viele Auslegungen zur Jahreslosung 2012 mögen wohl inzwischen geschrieben worden sein! Im Internet kann man viele nachlesen. Und nun füge auch ich eine hinzu.

Christus spricht: "Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig." (2.Kor. 12,9)

Zu Paulus hat er das gesagt, aber was hat es mit uns zu tun?

Als wir in einem Gemeindekreis darüber sprachen, sagte ein Mann: Das gilt auch mir. Die Frau gegenüber meinte: mir auch. Da saßen noch mehr, die nichts sagten, aber den Eindruck machten, als wären sie Paulus dankbar, dass er seinen Fund nicht für sich behalten hat.

Paulus spricht in diesem Text von einem "Pfahl im Fleisch". Offensichtlich litt der Apostel an einer Epilepsi. Er musste dauernd damit rechnen, einen Anfall zu bekommen. Für einen, der viel unterwegs war, war die Krankheit eine schwere Beeinträchtigung seines Dienstes. Mehrmals hatte er Gott um Heilung gebeten, bis ihm klar wurde, dass er für immer mit dieser Schwäche leben muss.

Paulus findet sich mit seiner Krankheit nicht ab. Vielmehr erkennt er darin die Möglichkeit, wodurch Gottes Kraft sichtbar und spürbar wird. Das ist die Antwort, die er auf seine Gebete bekommt. Nun kann er zu seiner Krankheit Ja sagen, weil dadurch Gott zu Ehren kommt. Worin erfahren Leidende Gottes Gnade? Darin, dass sie mit der Schwäche leben können ohne zu resignieren und den Glauben zu verlieren.

Aus Berlin/Adlershof ruft mich eine Frau an, wenn sie nicht mehr weiter weiß. Dies mal sagte sie bescheiden: Ich will ja nichts Großes von Gott, nur, dass ich allein zum Telefon kann. Die Schwestern stellen den Apparat auf meine Brust. Und da muss er bleiben, bis einer ihn nach drei oder vier Stunden wieder wegstellt.

Vor meinem Fenster steht eine Birke. Im Sommer zähle ich die Blätter, so weit ich komme. Im Winter bin ich oft ratlos. Vielleicht kommt ja wieder eine Schwester, die sagt: heute bleib ich ein paar Minuten länger. Manchmal steht man ja auch im Stau.

Wenn ich morgens aufwache, denke ich: vielleicht ist über Nacht ein Wunder geschehen. Meinen Sie, dass ich zuviel verlange? Nein, antwortete ich, zu wenig, weil mir der Vers von Johann Scheffler eingefallen war: "Gott, weil er groß ist, gibt am liebsten große Gaben, ach, dass wir Armen nur so kleine Herzen haben."

Wenn wir Ja zu dem sagen, was Gott uns gibt und nicht gibt, wird alles groß, auch was klein ist. Ein Fetzen Sauerteig durchsäuert einen haufen Teig. Ich habe es nicht ausprobiert, aber Jesus. Soll, was der Hefe möglich ist, Gottes Kraft in den Schwachen unmöglich sein? Wann immer einer lacht, der nichts zu lachen hat, gibt dem Apostel recht.

Ich habe einen alten Freund, der nicht müde wird so oft er kann, seine Geschichte von Stalingrad zu erzählen, als er von einer Kugel getroffen sein Augenlicht für immer verlor. Er sagt - ich kann es bald auswendig -: "Der 15. Januar 1945, das ist das Datum meiner zweiten Geburt". Was hätte wohl Jesus dazu gesagt? Vermutlich, was er auch anderen in gleicher Lage gesagt hat: Mann, du hast einen starken Glauben. Alle Kinder Gottes werden zweimal geboren. Einmal für ihre Eltern und dann für Gott.

Viele haben alles und Gott dazu. Andere dagegen müssen alles verlieren um Gott zu gewinnen. Paulus gehörte zu ihnen. Wer hat das Recht zu fragen warum?

Ich muss gestehen, ich habe so meine Schwierigkeiten damit, weil Gott sich so lange Zeit lässt um Gebete zu erhören. Ich trage eine Liste unerfüllter Wünsche bei mir. Nicht auf dem Papier, sondern eingraviert in meiner Brust. Noch kann ich nichts abhaken. Ich weiß aber, dass zu jedem Gebet eine Verheißung gehört. Ich weiß auch, dass Gottes Verheißungen noch nicht alle eingetroffen sind. Ich warte darauf, auch wenn ich vorher sterbe. Was Gott verspricht, trifft auch ein.

Friedrich von Bodelschwingh sagte einmal: "Aus schweren Lasten schafft Gott neue Möglichkeiten." Da muss er sehr erfinderisch sein, wenn die Krankenhäuser in unserer Stadt eine Möglichkeit sein sollen, um Gottes Kraft zu erfahren. 

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi