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Das Thema:

Juni 2011

Neu anfangen

Noch einmal neu anfangen, alles hinter sich lassen, alles anders, besser machen.

Wer hat sich das nicht schon gewünscht.

Wir verändern uns ständig, machen Pläne, gestalten unser Leben. Entwicklung verlangt Veränderung. Ich bin nicht der Einzige, der sich täglich Mut macht nicht am Alten zu hängen, Neues anzupacken.

Wir werden aber nicht immer gefragt, ob wir diese Veränderung jetzt wollen.

Wenn ich zurück blicke, fallen mir viele Erlebnisse ein, die ich am liebsten aus meinem Leben ausradieren würde. Das ist deshalb nicht möglich, weil sonst mein Leben unvollständig wäre. Das Leben ist nur durch die Veränderung und Neubeginn vollständig.

Manchen Neuanfang habe ich mir zwar sehnlichst gewünscht, ja, ihn sogar von Gott erbeten, hat sich aber im nachhinein alles anders entwickelt, was ich nicht voraus sehen konnte. Mein Leben wäre sicher anders verlaufen, hätte Gott alle meine Gebete erhört. Jetzt, wo ich zurück schauen kann, was gewesen, danke ich Gott, dass er nicht immer auf mich gehört hat.

Auch die Unsicherheit, die wir bei manchen Entscheidungen verspüren, gehören mit zum Leben. Ja, sie machen es erst interessant. Doch in jedem Wagnis zum Neuanfang liegt auch die Chance, etwas zu gewinnen. Die Bibel ist voll von Neuanfängen.

Die Geschichten, die mir spontan einfallen, erzählen von Menschen, die nach ihrem Neuanfang anders lebten, als vorher. Ihr Leben war zwar unsicherer geworden, aber umso stärker ihr Gottvertrauen.

Da ist Abraham, der von Zuhause weg zog in ein Land, das im Vergleich zu vorher keinerlei Sicherheit bot. Aber weil es ein Befehl Gottes war, erschien ihm alles andere zweitrangig.

Auch das Leben Jesu war ein Neuanfang, weg von Gott, hin zu den Menschen. Bereut hat er es nicht, auch dann nicht als er in große Schwierigkeiten kam. Am Kreuz hielt keiner zu ihm, nicht einmal Gott, wie er es selber sagt. Dennoch war er von der Richtigkeit seines Weges überzeugt.

Was muss in dem Mann am Zoll vorgegangen sein, dass er seinen Beamtenberuf aufgab und Jesus folgte?

Jedem Neuanfang geht eine Erschütterung voraus, so etwas wie ein Tsunami, der uns den Boden unter den Füßen wegzieht. Das Bisherige wird plötzlich unwichtig, gegenüber dem Neuen, das sich am Horizont als Perspektive zeigt. Der Retter aus der Not ist dann der, dem man fortan folgt. So stellt die Bibel die Menschen vor, die, sei es von einer inneren oder äußeren Kraft getrieben, ein neues Leben anfangen.

Wir sprachen im Bibelkreis darüber. Aus dieser Runde nur die beiden Stimmen:

25 Jahre war ich erfolgreiche Organistin. Ich habe meinen Beruf geliebt. Unzählige Konzerte habe ich gegeben. Einen erwachsenen und einen Kinderchor aufgebaut und geleitet. Bis zu dem Zeitpunkt, als meine Sehkraft rapide abnahm und das Arbeiten mit Noten unmöglich wurde. Ich war gezwungen die Rente einzureichen. Nun bin ich unwiderruflich blind. Es fällt mir immer noch schwer mich dazu zu bekennen. Gebetet habe ich nicht mehr. Vorwürfe gemacht hab ich Gott, ja, das hab ich.

Doch, seit einiger Zeit spüre ich eine Veränderung in mir. Ich ertappe mich dabei, dass ich bete. Aber nicht um Heilung, sondern darum, dass ich wieder meinen inneren Frieden finde. Es ist so anstrengend unzufrieden zu sein. Neulich sagte meine Nachbarin, die mich zum Gottesdienst abholt, sie könne sogar etwas von mir lernen.

Ein Mann, der durch Unfall ein Bein verloren hatt, sagte nebenbei: "Es hat lange gedauert, aber nun bin ich dabei mich mit meinem Bein anzufreunden. Noch sind wir per Sie. Aber bald werde ich ihm das Du anbieten."

Wie Hermann Hesse den Neuanfang verstanden hat, entnehmen wir seinem Gedicht "Stufen":

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend

dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,

blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe

bereit zum Abschied sein und Neubeginne

um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

in andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

 

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi