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Juni 2010

Was wir brauchen

Liebe Leserin, lieber Leser,

vielleicht kennen Sie die Geschichte von den Arbeitern im Weinberg. Sie ist nachzulesen im Matthäusevangelium im 20. Kapitel. Jesus hat sie als Gleichnis erzählt.
Das Gleichnis ist eine bildhafte Rede, die einen schwierigen Sachverhalt erklären will.

Der Arbeitstag dauerte damals 12 Stunden und ging von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang; sagen wir, von 6.00 bis 18.00 Uhr.
Arbeitsuchende stellten sich auf einem zentralen Platz der Stadt zur Verfügung.

Der Weinbergbesitzer in unserer Geschichte vereinbarte mit den ersten Arbeitern  einen Tageslohn von einen Denar, sagen wir einen Euro und schickte sie in seinen Weinberg. Das war der übliche Lohn, der für den täglichen Lebensunterhalt einer Familie ausreichte. Später stellte aber der Gutsherr fest, dass er noch mehr Arbeiter brauchte. So ging er noch vier mal zum Markt und holte Arbeiter, so viele er brauchte, zuletzt sogar eine Stunde vor Feierabend.

Als es dann zur Lohnauszahlung kam, gab es Ärger zwischen den ersten Arbeitern, die 12 Stunden gearbeitet hatten und dem Chef. Vereinbarungsgemäß bekam jeder Arbeiter der ersten Stunde seinen Euro. Auch die, die nur eine Stunde gearbeitet hatten, erhielten großzügiger Weise einen Euro.

Die Langzeitarbeiter aber fühlten sich betrogen und murrten mit dem Weinbergbesitzer. Ihr Einwand: "Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleich gestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben."! Eigentlich müssten die Letzten nur ein zwölftel Euro, sagen wir 10 Cent bekommen, haben sie doch auch nur eine Stunde gearbeitet. Du hast sie aber uns gleichgestellt. Das ist ungerecht.

Von 10 Cent kann aber kein Mensch leben und schon gar nicht eine Familie. Deshalb hatte der Weinbergbesitzer eigenmächtig den Tarif geändert und gab allen gleich. Natürlich am Prinzip der Gerechtigkeit vorbei. Alle sollten so viel bekommen, was sie nötig und nicht was sie verdient hatten.

Der Gutsherr aber sagte einem unter ihnen, vermutlich dem Rädelsführer: "Mein Freund, ich tue dir nicht unrecht. Bist du nicht mit mir eins geworden um einen Denar? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten geben gleich wie dir. Habe ich nicht Macht zu tun mit meinem Geld, was ich will? Bist du neidisch, dass ich so gütig bin?"

Wie kann man bloß gegen Güte protestieren! Die Frage der ersten Arbeiter ist nicht, was braucht der andere, sondern was ist nötig nach Recht und Ordnung. Sie möchten die Spielregeln der Gerechtigkeit eingehalten wissen. Die entscheidende Frage ist nicht, dass der Weinbergbesitzer mit seinem Geld machen kann, was er will, sondern, dass er grenzenlos gütig ist. Die Welt geht zugrunde, wenn nicht etwas gegen die Not in der Welt geschieht.

Nein, eine gerechte Welt ist mir zu wenig. Ich möchte eine barmherzige Welt, eine Welt, in der nicht jeder bekommt, was er verdient, sondern was er zum Leben braucht. Ein Leben  lang hat Jesus für dieses Ziel gearbeitet und gekämpft. Ist er aber darum gescheitert, weil immer noch Hunger und Gewalt die Welt beherrschen?
Nein, die Zeichen, die er gesetzt hat, werden von denen fortgeführt, die seinem Beispiel folgen.

"Was ihr getan habt einem diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan," (Matth.25,40) sagt er denen, die sich aufgemacht haben, mit der Veränderung der Verhältnisse in der Welt ernst zu machen.

Die Geschichte hat noch einen theologischen Aspekt. Damit musste sich die Urgemeinde noch lange beschäftigen. Denn die Fragen des Gleichnisses waren auch ihre Fragen:
Sind etwa Petrus und seine Gefährten, die von der ersten Stunde an dabei waren, denen gleich gestellt, die viel später zur christlichen Gemeinde gekommen sind?
Wie sind die zu beurteilen, die nicht von Anfang an mit Jesus gingen? Ist das ihre Schuld? Welche Stellung haben jene bei Gott, die ihr Leben lang Jesus gedient haben im Vergleich zu denen, die erst im Alter dazu gestoßen sind? Sind frühere Generationen nicht benachteiligt, weil sie vom Evangelium nichts gehört haben?

Fragen über Fragen, die sich stellen, wenn man sich intensiv mit dem Text auseinander setzt.
Nein, es ist nicht die Schuld des Einzelnen, wenn er spät berufen wird. Niemand kann sich von sich aus zur Arbeit im Gottes Weinberg anmelden. Alle werden von Gott berufen und zwar zu unterschiedlichen Zeiten. Die einen von Geburt an, die anderen im erwachsenen Alter. Wieder andere vielleicht erst kurz vor ihrem Tod. Infolgedessen hat auch keiner einen Vorzug vor dem anderen. Gottes freie Gnade ist es und weiter nichts.


 

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi


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