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Das Thema: Juni 2009

Der wichtigste Tag

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

nicht nur Menschen rufen uns beim Namen. In der Bibel lese ich, dass auch Gott uns mit unserem Namen ruft: "Gott spricht, der dich
geschaffen hat, ... fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!" (Jesaja 43,1) 

Ich denke darüber nach, wie das zugeht, wenn Gott uns ruft. Es gibt viele Augenblicke in meinem Leben, wo es mir ganz klar war, dass Gott mir jetzt etwas sagt. Am meisten im Zusammenhang mit Gottes Wort. Deshalb vergeht auch kaum einen Tag, wo ich mich nicht mit Gott und seinen Taten beschäftige. 

Früher sind die Menschen gegangen um Jesus auf Straßen und Plätzen zu suchen. Heute suchen wir Gott in allen Dimensionen des Daseins. Und wenn wir ihn nicht suchen, sucht er uns bei unserer Arbeit. Als Mose an dem bestimmten Tag ausging um die Schafe seines Schwiegervaters zu hüten, wusste er noch nicht, dass dieser Tag der wichtigste Tag seines Lebens würde. Wichtig deshalb, weil er im brennendem Dornbusch Gottes Stimme vernahm. Zachäus, dem Zöllner ging es nicht viel anders. Er stieg auf einen Baum um Jesus besser sehen zu können. Doch dann wurde ihm dieser Tag zum Tag seines Glaubens. Nichts, das nicht dazu geeignet wäre Gott und Mensch zusammen zu bringen. 

Der Bibelübersetzer und Philosoph Martin Buber vermutet, der Name sei die älteste Wortform überhaupt, dass die Menschen gesprochen haben. Ohne Namen wären wir nur eine Nummer. Keiner hat es gern, wenn der andere ihn nicht mit Namen anspricht. Und wenn unser Name fehlerhaft ausgesprochen wird, korrigieren wir es sofort. 

Viele Geschichten der Bibel, vor allem Prophetenbücher fangen mit dem Satz an: "Das Wort des Herrn geschah an" Jeremia, Jesaja, Jona, Abraham, Mose. Offensichtlich braucht Gott, die Menschen, wenn er sie ruft. Aber warum ausgerechnet diesen und nicht einen anderen? Weil er für seine Aufgabe diesen  Einen und keinen anderen braucht.

Die Menschen suchen sich die Besten, Tüchtigsten, Gesundesten und Hübschesten heraus, mit denen sie zu tun haben wollen. Auf dem Arbeitsmarkt sind die über 50jährigen kaum gefragt. Wer fragt schon nach den Alten? Seit einiger Zeit wird hinter vorgehaltener Hand darüber diskutiert, ob nicht ab einem bestimmten Alter die Krankenversorgung eingestellt werden soll. Doch es ist erfreulich, dass das vierte Gebot in der Bevölkerung immer noch hochgehalten wird: "Du sollst Vater und Mutter ehren."

 Weil Gott uns braucht, sind wir auf der Welt und nicht umgekehrt. Gott braucht uns, ungeachtet unserer Stellung in der Gesellschaft, unseres Alters oder Behinderung. Es muss ausgerechnet der Christenverfolger Paulus sein oder der Verräter Judas und kein anderer. Mose mit seiner schweren Zunge kann sich ebenso wenig aus der Verantwortung ziehen, wie Jesaja, dass er doch ein Sünder sei. Der erste König in der Geschichte des alten Israels war Saul, der Zeitlebens unter Depressionen litt. Aber gerade ihn hat sich Gott ausgesucht. Jona, der Prophet ergreift die Flucht, als er nach Ninive gehen sollte. Aber Gott holt ihn ein im Bauch des Wals.

Das Wort des Herrn geschah an ... Wenn Gottes Ruf an einen Menschen ergeht, dann geschieht etwas. Dann zieht Abraham aus Ur in Chaldäa nach Palästina. Dann gehorcht Jeremia der Anweisung Gottes, obwohl er glaubt dafür viel zu jung zu sein. Gewiss, einfacher wäre es, wenn Gott alles selber erledigen würde. Aber er tut es nicht. Er braucht die Menschen dazu. Einer hat mal gesagt: "Gott hat keine Hände, er hat nur unsere Hände. Gott hat keine Füße, er hat nur unsere Füße. Gott hat keinen Mund, er hat nur unseren Mund. Unsere größte Würde ist, dass Gott uns braucht, um Neues zu schaffen, zu trösten, zu heilen und den Hunger aus der Welt zu schaffen.

 Die Bibel sagt aber auch, wenn Gott uns für diese Welt nicht mehr braucht, ruft er uns zu sich in seine engere Gemeinschaft. Zu den tröstlichsten Aussagen der Bibel zähle ich die Worte aus Psalm 90: "Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: kommt wieder, Menschenkinder." Keine Begräbnisfeier, wo ich das nicht sage. Die Hinterbliebenen, ob sie daran glauben oder nicht gehen nach Hause in dem Wissen: Der Verstorbene ist jetzt bei Gott. Gott macht seine Liebe zu uns und unseren Toten nicht von unserem Glauben oder Unglauben abhängig.

Abbas Schah-Mohammedi


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