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Das Thema:

Juli 2011

Der Soldat

Gerade komme ich vom Friedhof. Einen lieben Freund haben wir beerdigt.

Die Tochter war untröstlich.

Ich musste denken: Du kannst nicht leben ohne Menschen, die dich mögen. Menschen, die von Zeit zu Zeit dir zu verstehen geben, du bist so wertvoll. Ich habe dich gern.

Ein englischer Soldat, dessen Bomber nach einem Angriff auf Hannover abgeschossen worden war, erzählte:

Nach vier Tagen Flucht, tagsüber verstecken, nachts versuchen vorwärts zu kommen, wurde ich bei Bielefeld gefangen genommen.

Mit dem Zug wurde ich in ein Lager gebracht. Drei Frauen saßen im Abteil mir gegenüber, in schwarz gekleidet, also in Trauerkleidung.

Meine Bewacher saßen neben mir. Die eine Frau ähnelte ein bischen meiner Mutter. Ich hatte Hunger, ich hatte Durst. Die Haare waren durcheinander. Sie konnten ganz klar sehen, was ich war. Die Frauen tuschelten miteinander aufgeregt. Plötzlich steckte eine dieser Frauen ihre Hand in eine schwarze Tüte und holte ein Stückchen Brot heraus und bot es mir an. Der Bewacher sagte nein. -

Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, ihm biete auch die andere dar.

Liebe kennt keinen Feind. Der Soldat hatte versucht die Landsleute dieser Frauen zu töten. In Erwiederung darauf haben sie ihm Brot angeboten. Sie hatten in ihm plötzlich den Sohn einer Mutter gesehen.

Ich musste bei dieser Geschichte an das Wort von Albert Schweitzer denken:

"Die stärkste Waffe, die man gegen einen Feind anwenden kann, ist die Liebe."

Ich weiß nicht wie viele Menschen dieser Soldat mit seinen Bomben getötet hat, ich weiß nur, dass kein einziger Tod, auch nur ein einziges Problem gelöst hat. Und ganz oft denke ich, nur Gott kann uns vergeben.

Heute morgen habe ich von einem Mann gehört, der gewaltsam umgebracht wurde. Von einer Mutter habe ich gelesen, die ihr neugeborenes Kind weggeworfen hat. Ich war nahe dran an Gott zu verzweifeln. Aber dann dachte ich an die vielen Mütter und Väter, die ihre Kinder lieben. Die ihren eigenen Vorteil zurückstellen, damit ihre Kinder gesund aufwachsen. Und so war ich wieder getröstet.

Liebe Leserin, lieber Leser, egal, wie Sie sich fühlen, egal was schief gegangen ist in ihrem Leben, aus der Hand Gottes fallen sie nicht heraus. Gute Menschen, auch wenn sie gestorben sind, sind nicht tot. Denn sie reden zu uns durch ihr Leben, durch das, was sie getan haben. Und wenn wir von ihnen lernen, gewinnen sie Einfluß auf unser Leben.

 

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi