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Das Thema:

Juli 2010

Was meinen Glauben gestärkt hat

Liebe Leserin, lieber Leser,

es gibt nur wenige Religionen, in deren Gottesdiensten wirklich gesungen wird. Christen gehören dazu. Sie singen viel und gern in ihren Versammlungen und zu Hause.
Wir kommen gerade aus Ägypten, am Rotenmeer zurück, wo wir unseren Urlaub verbracht haben. Fünfmal am Tag hörten wir vom Hotel aus den Muezzin, der die Gläubigen zum Gebet aufrief.

Am Freitag wurde sogar die Predigt aus der benachbarten Moschee von Lautsprechern nach draußen übertragen. Wo hat man es noch, beim Schwimmen einer Predigt zu lauschen. Bloß, dass wir sie nicht verstanden haben. Wir konnten uns aber darüber so unsere Gedanken machen. Obwohl die Moschee voll war, wurde nicht ein Lied gesungen.

Wann immer wir in dem kleinen Laden nebenan Wasser kauften, hörten wir aus dem Radio den Imam mit der dafür typischen Melodie den Koran rezitieren. Einmal fragte ich den Verkäufer: Wird denn bei Ihnen im Gottesdienst nicht gesungen? Er wies auf das Radio hin und sagte: "Das ist das einzige Lied, an dem Allah gefallen hat".

Tief beeindruckt war ich jedes mal am morgen, wenn ich den Mann von der Minarette rufen hörte: "Kommt her zum Gebet; kommt her zur Anbetung. Das Gebet ist besser als Schlaf." Danach konnte ich nicht mehr schlafen und wollte es auch nicht. So sehr beschäftigten mich die Worte in meiner Seele.

Ich bete zu Gott, wann immer es mir danach ist. Die Moslems auch dann, wenn es unbequem ist. Denn wer steht schon gern so früh auf, bevor die Sonne aufgeht. Den Glauben muss man sich etwas kosten lassen. Von Moslems können wir es lernen.

Wir kennen alle die Bilder der betenden Männer, die auf Straßen, Plätzen und Parks ihren Teppich ausbreiten und beten; beten, wann immer es Zeit ist. Fast möchte man sie beneiden, weil sie ungeniert ihren Glauben praktizieren. Mag das Gros der Bevölkerung auch materiell arm sein, aber es ist eine reiche Armut, die sie im Herzen tragen.

Einen nachhaltigen Eindruck auf mich machte noch das folgende Erlebnis. Beim Einkaufen in der Stadt fiel uns auf, dass einige der Geschäfte zwar offen standen, aber keine Verkäufer weit und breit zu sehen waren. Auf unsere Frage danach sagte man uns: "Sie sind in die Moschee gegangen und kommen bald wieder. Die Kunden können aber eintreten, sich die Ware aussuchen und im Laden nebenan bezahlen." Auf die Frage, haben sie keine Angst bestohlen zu werden? "Nein, Allah beschützt das Eigentum derer, die in die Moschee gehen."  

Während eines Ausflugs zu den Beduinen in der Wüste kam ich mit dem Reiseleiter ins Gespräch. Ich fragte ihn, wie er denn die Armut im Lande mit ihrem Glauben in Verbindung bringen könne? Darauf der 26 Jährige: "Wären wir reich, wären wir nicht mehr fromm."

Einen Zusammenhang zwischen Glauben und Geld hat Auch Jesus gesehen. Zum reichen Jüngling, der ihn nach dem Weg in den Himmel fragt, sagt er: "verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach." (Markus 10,21)

Nun weiß jeder, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, dennoch beschäftigt mich seit her der Gedanke, was nehmen die Touristen mit nach Hause von dem, was sie dort sehen und erleben?

Imre Kertesz schreibt von dem was er in Auschwitz gesehen hatte: "Jetzt zum ersten mal hatte ich auf einmal das Gefühl, dass mir etwas fehlt, zum ersten mal bedauerte ich, dass ich nicht zu beten verstand - nämlich, als ich in Auschwitz die Juden beten hörte."

Vor Sonnenaufgang ging auch Jesus hinaus um zu beten. Sein Ziel war die nahe gelegene Wüste. Warum gerade Wüste, wo es doch zu Hause viel komfortabler ist? War es die Stille der Wüste, die ihn rief oder wollte er an das Gebet seiner Vorfahren anknüpfen?

Ich muss es nicht genau wissen. Mir genügt die Tatsache, dass auch Jesus für seine Beziehung zu Gott das Gebet brauchte und dass er dazu lieber den unbequemen Weg ging, wie überhaupt sein ganzes Leben unbequem war.

Wir sind alle Christ geworden und geblieben durch andere Menschen, die ihren Glauben gelebt haben. Was wir in unserem Urlaub erlebten, hat meinen christlichen Glauben gestärkt.


 

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi


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