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Das Thema: Juli 2009

Unser Spiegelbild 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,
 

eines der schwer zu befolgenden Worte Jesu ist ein Vers aus der Bergpredigt:

"Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dem halte die andere auch hin." (Matth.5,39)

praktiziert wurde es aber seit Jahrtausenden genau umgekehrt: "Auge um Auge, Zahn um Zahn." Bismarck meinte, mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen. Jesus hat es aber gemacht. Sein Verhalten gegenüber den Autoritäten seiner Zeit war genau das Spiegelbild seines Lebens und Tuns. 

Was ich damit meine kann vielleicht das folgende Märchen aus Indien veranschaulichen. Es erzählt von einem Hund, der in einem Zimmer umherirrte, in dem alle Wände aus Spiegel waren. Er sah plötzlich viele Hunde. Da wurde er wütend und fletschte die Zähne und knurrte. Alle Hunde in Spiegel wurden ebenso wütend, fletschten die Zähne und knurrten. Der Hund erschrak und begann im Kreis herumzulaufen. Schließlich brach er tot zusammen. 

So ist das Verhalten unserer Mitmenschen oft das Spiegelbild unseres eigenen Verhaltens. Wir bemerken es aber oft nicht, genau wie der Hund.

Warum sind manche Menschen unfreundlich, wenn sie mit uns zu tun haben? Könnte es nicht auch daran liegen, dass wir ihnen in dieser Weise begegnet sind? Ein Wort gibt das andere. Unser Gesprächspartner stellt sich nach und nach auf uns ein. Werden wir laut, wird er noch lauter. Schimpfen wir, schimpft er zurück. Werden wir ausfallend, reagiert er nicht anders. Treiben wir so weiter, das Ende kennt jeder: Wir gehen böse auseinander oder es kommt noch schlimmer. 

Die Fabel will uns sagen, dass es auch anders möglich ist. Hätte der Hund nur ein einziges mal mit dem Schwanz gewedelt, hätten alle seine Spiegelbilder das freundliche Bild zurückgeworfen. Sind wir freundlich und hilfsbereit, haben wir Sinn für Humor, was könnte nicht daraus noch werden. 

Es geht nicht allein darum, dass einer der beiden Gesprächspartner einfach nachgibt. Obwohl auch das schon Wunder bewirken könnte. Es ist ein Unterschied, ob der Ehemann seiner Frau, die ein bestimmtes Kleid wünscht sagt: Du weißt doch, was ich verdiene. Das kommt für dich garnicht in Frage. Oder ob er sagt: Ich wünschte, ich könnte es dir kaufen.  Es würde dir sicher gut stehen. In beiden Fällen ist im Grunde das Selbe gesagt. Aber die Reaktion vom anderen ist verschieden. Ja, man kann eine Bitte so liebevoll absagen, dass selbst die Verweigerung Freude bereiten kann wie die Erfüllung. 

Das Verhalten des anderen ist vielfach das Echo unseres eigenen Verhaltens. Das meint auch Jesus, der dazu aufruft dem Angreifer nicht Widerstand zu leisten. Um dem Kreislauf des "so du mir, so ich dir" ein Ende zu bereiten, fordert Jesus seine Freunde auf, seinem Beispiel folgend dem Gesetz der Vergeltung zu widerstehen. 

Von dem Messias, mit dem sich Jesus Zeitlebens identifiziert hat lesen wir beim Propheten Jesaja Folgendes: "Ich bot meine Wange denen, die mich schlugen. Aber Gott der Herr hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. (Jesaja 50,6) 

Von zahlreichen Jüngern Jesu wissen wir, dass sie Wort gehalten, und haben auf kosten ihres Lebens dem Unrecht nicht widerstanden. Letztlich geht es Jesus um das Gebot der "Feindesliebe", um die Bereitschaft des Christen selbst für den Unrecht tuenden Liebe und Geduld aufzubringen. Denn die Liebe verträgt alles, selbst das Unrecht (1.Kor.13,7). Nicht zähneknirschend oder resignierend, sondern die Sache Gott zu überlassen, der gesagt hat: "Die Rache ist mein, ich will vergelten". Wenn du das tust, sagt der Apostel Paulus, "wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln "(Röm.12,20). 

Die "feurigen Kohlen" sind die brennende Schuld, die dem Unrecht tuenden bewusst wird, wenn er keinen Widerstand spürt. Auf welcher Seite steht die Sympathie des Christen? Bei dem, der sich bis aufs Blut verteidigt oder der auf sein Recht verzichtet und Gott die Sache anheim stellt, auch auf die Gefahr hin als Schwächling oder heimlicher Schuldiger zu gelten. Und welche Folgen könnte der Verzicht auf Vergeltung auf Dauer noch nach sich ziehen? 

Das Böse in der Welt lässt sich nicht von heute auf morgen austreiben. Die Welt verändert sich nur langsam. Es braucht Zeit, viel Zeit. Ich will aber so leben, dass ich meinen Teil an der Erneuerung der Welt leiste, auch wenn es nur winzig klein ist, was ich tue.

Abbas Schah-Mohammedi


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