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Das Thema:

Juni 2012

Wütend auf Gott

Liebe Leserin, lieber Leser,

vor mir steht ein Karton voller Briefe. Alle sind an mich und meine Tochter gerichtet. Und alle haben nur ein Thema zum Gegenstand: Trost zu spenden einem Trauernden. Der seine Frau verloren hat. Die Frau, die mehr war als nur Ehefrau, Augenlicht und Wanderstab.

Und immer noch kommen Briefe und Anrufe.

Wie schwer sich manche mit ihren Formulierungen getan haben, kann man unschwer aus ihren Zeilen heraus lesen. Dennoch haben sie sich nicht davon abhalten lassen, mich zu trösten. Wäre ich in ihrer Lage, könnte ich es nicht besser. Dennoch bin ich für jeden Brief von Herzen dankbar. Für Schmerz gibt es eben keine Worte.

Heute morgen erzählte eine alte Freundin aus Mannheim, wie es ihr ergangen ist, als sie einmal in ähnlicher Situation war. Ein Lehrerkollege wollte sie trösten und sagte: "vergessen Sie es." Und eine Verwandte gab ihr mit auf den Weg: "Mach eine Reise, dann lernst Du einen anderen kennen."

Auf den Himmel zu vertrösten ist aber auch kein besserer Trost. „Wie es sein wird, wenn ich gestorben bin“, hörte ich neulich in einer Radioandacht sagen, "weiß ich nicht." Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es dort schöner ist als hier mit dem Menschen, den wir so sehr geliebt haben.

Mit den Engeln am Tisch sitzen und immer nur Kirchenlieder singen, ist nicht mein Ding. Lieber säße ich am Bettrand meiner kranken Frau. Und was ist, wenn ich sie im Himmel nicht finde? Dann wandere ich weiter, dorthin, wo sie ist. Ist mir allemal lieber als in Saus und Braus die Ewigkeit zu verbringen.

Heute morgen hatte ich einen deftigen Streit mit Gott, natürlich einen einseitigen. Er antwortet bekanntlich auf tausend Worte nicht ein Wort. Wütend war ich auf ihn. Mut dazu hatte ich bekommen durch einen Text von der Sängerin Njeri Weth, den mir ein Kollege aus Spandau geschickt hat. Daraus einige Zeilen: "Mein Herz ist wütend, verletzt und stumm. Mein Gott, warum? Weich' mir nicht aus und sieh' mich an. Ich geb' dir zurück, was ich nicht tragen kann."

Ich habe Gott Vorwürfe gemacht. Ich weiß, das macht man nicht. Aber was macht man nicht alles, wenn man wütend ist. Ich habe gefragt, warum hast du unsere Gebete nicht erhört? Wir waren doch zu zweit und der dritte im Bund war dein Sohn, genau wie er selber im Evangelium gesagt hat. Aber nein, es musste nach ihm gehen.

Dennoch komme ich von Gott nicht los. Genau wie Njeri Weth, wenn sie in ihrem Song fortfährt: "Lass mich nicht los, lass mich nicht los, wenn du siehst, was ich seh' und was mich zerreißt. Lass mich nicht los, lass mich nicht los. Bleib' bei mir, wenn ich frag' und wenn ich schrei'."

Gott zu Ehren muss ich aber auch gestehen, dass ich, trotz aller Gottverlassenheit auch solche Augenblicke kenne: Wenn ich nachdenklich am Tisch sitze, in Gedanken verloren, mal hier und mal dort, mal bei diesem und mal bei jenem, dann kann es geschehen, dass ich dem fremden Wanderer im Evangelium begegne, dem auch die Emmausjünger begegnet sind. Ob es Einbildung ist oder geistige Realität, kann ich oft nicht auseinander halten. Aber wenn ich dann, wie beschenkt von meinem Platz gehe, bin ich mir ziemlich sicher: Das war Gott. Seine Spuren spüre ich als Segen und Kraft, um diesen Tag zu bestehen.

Ein Ehepaar aus dem Elsass schickt mir die Zeilen eines unbekannten Autors. Dort lese ich: "Wie er mich durchbringt, weiß ich nicht. Doch dieses weiß ich wohl, dass er, wie mir sein Wort verspricht, mich durchbringt wundervoll."

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi