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August 2010

Das Wort zum Sonntag (Nordberliner, 12.08.2010)

Liebe Leserin, lieber Leser,

zum 92. Geburtstag hatte sie von ihrer Enkelin eine Eintrittskarte für die Deutsche Oper geschenkt bekommen. Als sie am späten Abend nach Hause kam fand sie ihr Haus nicht mehr. Die Lichter in ihrer Straße waren ausgefallen. Tür an Tür, wusste sie nicht welches ihre Haustür ist. So stand sie da, am Baum angelehnt und auf ihren Stock gestützt und überlegte, wie es weiter gehen könnte. Solange sie auch da stand, keiner kam und keiner ging ins Haus. "Niemals wollte ich ein Handy haben. Aber jetzt hätte ich gerne eins gehabt." So stand sie da und malte sich die Nacht aus. Der zu Ende gehende Tag war heiß gewesen, 38 Grad. Notfalls müsste sie die Nacht draußen verbringen. Aber sich auf die Erde setzen, das könnte sie nicht. Ich werde mich wohl auf den Beinen halten müssen. Schon seit ihrer Kindheit war sie kurzsichtig. Jetzt im Alter hatte ihre Sehkraft weiter abgenommen.

"Einem hilflosen Menschen fällt der liebe Gott in der Not schneller ein, als jungen", sagte sie, während sie mir wortreich ihre Geschichte erzählte. "Was haben Sie schließlich gemacht?" fiel ich ihr ins Wort, um die Geschichte abzukürzen. "Was ich gemacht habe? Fragen Sie lieber, was der liebe Gott mit mir gemacht hat." Plötzlich ging ein Licht auf einem Balkon an und ein Mann erschien am Geländer. Er holte ein paar mal tief Luft ein und hüstelte. Ich sah meine Chance gekommen und rief, so laut ich konnte: "Ich finde die Haustür nicht, können Sie mir bitte helfen; vor welchem Haus stehe ich?" "Warten Sie, ich komme runter", sagte der freundliche Mann. Und dann dauerte es nicht mehr lange und er kam mit einer Taschenlampe aus dem Haus. Während ich die Stufen zu meiner Wohnung hinaufstieg, erzählte er mir, warum er zu so später Stunde auf dem Balkon gewesen war. Er war aufgewacht und kriegte keine Luft. So ging er hinaus, um frische Luft zu schnappen. Und das war meine Rettung. "Und stellen Sie sich mal vor, ich habe vorher gar nicht gewusst, dass in unserem Haus so ein netter Mensch wohnt. Wir grüßen uns höchstens im Hausflur." Ja, manchmal bedarf es eines Zwischenfalls, um die Freundlichkeit eines Menschen zu erfahren. "Eine schöne Geschichte", sagte ich, "ich kann sie gut für meine Predigt gebrauchen".

Geschichten leben davon, dass sie erzählt werden. Sie sind so etwas wie Kino für den Kopf. Sie sind sogar mehr als Kino. Ich höre gern Radio. Dabei kann ich meiner Phantasie freien Lauf lassen und Bilder in mir entstehen lassen. Der Drang, etwas erzählen zu müssen, ist uns in die Wiege gelegt. Wir müssen es los werden, was wir bei der Arbeit, in der Schule, im Kindergarten oder bei einer Konferenz erlebt haben. Wir verstehen unsere Welt offensichtlich nur durch das Erzählen. Aber das ist nicht alles. Wenn wir erzählen, knüpfen wir ein Netz zwischen uns und den anderen. Ich gebe weiter, was mich bewegt und mir durch den Kopf geht. Ich weiß von Dir und Du weißt von mir. Das ist sehr wichtig für unser Zusammenleben. Eine Ehe, in der nicht viel erzählt wird, kann ich mir nicht vorstellen. Erzählen ist nicht allein Information.  Es geht auch nicht nur um Tatsachen. Beim Erzählen lasse ich den anderen durch meine Augen schauen und meine Ohren hören. Der andere erlebt dann auch die Geschichte, die ich erlebt habe. Als die Apostel Petrus und Johannes sich vor dem hohen Rat der Juden verantworten mussten, sagte Petrus: "Wir können ja nicht lassen, dass wir nicht erzählen sollten, von dem, was wir gesehen und gehört haben." (Apg. 4,20)

Von Geschichten geht nicht nur ein Zauber aus. Sie haben auch eine erzieherische Komponente. Sie sind mächtig, nehmen Einfluss auf unser Leben und wirken lebensverändernd. Eine Geschichte ist dann gut erzählt, wenn sie den Hörer anrührt und ihm Gänsehaut macht. Kinder können sich am besten mit den Helden der Geschichte freuen und mit den Unterlegenen traurig sein. Gruselige Geschichten verfolgen sie bis in ihre Träume hinein. Die Bibel ist voll von Geschichten, die oft wie ein Bilderbuch anmuten. Das besondere daran ist aber die Tatsache, wenn wir sie lesen, hören wir Jesus reden. Das ruft Glauben hervor und stellt unser Leben in Frage. Dann schaut einer zum andern und fragt sich: Wer von uns ist gemeint, du oder ich oder beide? Auf wen ist die Geschichte gemünzt, die Jesus erzählt? Der reiche Jüngling wollte nur wissen, wie Jesus die Gebote auslegt. Am Ende kommt ihm aber die Frage: Was muss ich tun, damit ich selig werde.


 

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi


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