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Das Thema:

April 2010

Schuldgefühle

Liebe Leserin, lieber Leser,

ist das ständige unglücklich sein eine Strafe von Gott?

Depressive Menschen leiden oft unter Schuldgefühlen. Als Seelsorger werde ich häufig mit Schuldfragen konfrontiert. Eine Frau erzählt mir immer wieder die gleichen Geschichten. Sie hat vor Jahren ihre seelisch kranke Tochter ins Heim geben müssen. Nun glaubt sie dadurch Schuld auf sich geladen und von Gott verworfen zu sein.

Zu dumm, dass sie dazu auch immer die passenden Bibelstellen findet.
Ich habe erkannt, dass es keinen Sinn macht, ihren Einwänden Bibelworte entgegen zu halten, die Trost und Zuversicht verbreiten. Sie kann geschickt positive Gedanken in ihr Gegenteil verwandeln. Selbst ein Bibelwort wie dieses gibt ihr nichts: "Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen". (Jesaja 54,10)

Schuldgefühle gehören zu den unangenehmsten Gefühlen, die ein Mensch haben kann. Deshalb versucht man sie auch so schnell wie möglich loszuwerden. Man sucht sich ein schwarzes Schaf, dem man sie in die Schuhe schieben kann.

In alttestamentlicher Zeit gab es im Tempel ein Ritual, in dem man die Schuld des Volkes auf einen Ziegenbock legte und ihn anschließend in die Wüste trieb, wo er auf elende Weise zugrunde ging und mit ihm die Sünden der Menschen.

Das Bild des Ziegenbocks wird im neuen Testament auf Jesus Christus übertragen, der die Schuld aller Menschen auf sich nimmt und sie in seinem Tod am Kreuz ein für allemal vernichtet.

Ich kann dieser Frau nicht helfen und habe es ihr auch vorsichtig zu verstehen gegeben. Dennoch kann ich sie nicht fallen lassen. Sie braucht einen, der ihr zuhört und dem sie ihr Herz ausschütten kann. Möglicherweise könnte ihr mehr geholfen werden, wenn sie ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen würde.

Manchmal denke ich, sie muss doch wohl etwas davon haben, wenn sie mich immer wieder anruft. Sie weiß aber nicht, dass mit dem Auflegen des Telefonhörers das Problem für mich nicht beendet ist. Die Eindrücke beschäftigen mich noch Stunden danach. Ich muss für sie und für mich beten, um auch selber Ruhe zu finden.

Gerade jetzt in der Karwoche geht mir die Frage nach, wie Pilatus mit der Schuldfrage fertig wurde. Im Matthäusevangelium heißt es: "Er wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: ich bin unschuldig an seinem Blut. Seht ihr zu." Kann man sich so leicht seiner Verantwortung entledigen, wie es Pilatus tat? Wir sind und bleiben für unsere  Entscheidungen selber verantwortlich; sowohl vor Gott wie vor den Menschen.

Was wäre gewesen, wenn Jesus nicht verurteilt worden wäre? Stünde damit nicht unser Glaube auf dem Spiel? Nicht auszudenken. Pilatus hat Fehler gemacht um seine Haut zu retten. Aber zu welchem Preis. Gott hat dennoch gerade durch ihn seinen Heilsplan für die Menschen zum Abschluss gebracht. Gottes Wege sind unerforschlich.

Hier zu Lande empfinden manche Christen das Kreuz anstößig. Sie bringen es mit Sünde und Schuld in Verbindung und wollen es am liebsten aus ihrem Gesichtskreis weghaben. Anders in asiatischen Ländern. Dort hat das Kreuz Bekenntnischarakter und steht dafür, dass hier Christen zuhause sind.

In allen Religionen verspricht man sich dadurch Erlösung, dass man das Böse mit aller Macht besiegen will. Gemäß dem Qoran ist Jesus nicht den Kreuzestod gestorben. Er wurde ausgetauscht und ein anderer starb an seiner Stelle.

Nach dem Islam kann Gott das Kreuz als Heilsweg nicht akzeptieren. Es ist seiner nicht würdig. Mohammeds Weg ist von seinem Gottesbild her ein Weg des Erfolges. Es kann zwar Rückschläge geben, aber eigentlich geht es immer aufwärts.

Nicht aber bei Jesus. Jesus besiegt nicht das Böse mit Werkzeugen der Macht, sondern er überwindet es mit Mitteln der Ohnmacht. Er erklärt so zu sagen den Feind zum Freund. In der Bergpredigt heißt es lapidar: "Wer dich auf die rechte Backe schlägt, dem halte auch die andere hin." (Matth. 5,39) Wie das praktisch geht, zeigt es die Passionsgeschichte Jesu ausführlich. Dietrich Bonhoeffer schreibt: "Jesus hilft nicht Kraft seiner Allmacht, sondern Kraft seiner Schwachheit, seines Leidens."

Jesus führt keinen politischen Machtkampf. Er reitet nicht mit Pferd und Wagen in Jerusalem ein, sondern mit einem Esel, dem Reittier der Armen. Was hier geschieht, ist eine Ohnmachtergreifung und nicht Machtergreifung. Das Evangelium des Palmsonntages ist das selbe wie das des ersten Advents.

Meine Gedanken gehen zurück zu der Frau, mit ihren Schuldgefühlen. Während sie mir erzählt, konzentriere ich mich auf ein inneres Gebet, auf die Bitte um Hilfe und Errettung. Weil sie doch immer wieder auf die selben Vorwürfe zurückkommt: Gott hat mich verstoßen. Ich stehe nicht im Buch des Lebens. Meine Sünde ist zu groß, als dass sie vergeben werden könnte.

Schon hundert mal habe ich ihr zugesichert: Gott straft keinen, auch Sie nicht und verstoßen schon gar nicht. Das ist eben ihre Krankheit, dass sie es nicht anders kann, als sich zu verdammen. Kommt mir da nicht etwas bekannt vor? Hat nicht auch er am Kreuz zu Gott gerufen: "Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?"
Und dann drei Tage später diese Wende!

Ich bete und bete und höre keine Antwort. Aber ich gebe nicht auf, wie auch er nicht aufgegeben hat: "In deine Hände befehle ich meinen Geist."


 

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi


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