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Das Thema: April 2009

Ein Engel kommt

Liebe Leserin, lieber Leser,

als bei der friedlichen Revolution 1989, deren 20. Jahrestag wir in diesem Jahr begehen, die Menschen endlich frei durch das Brandenburger Tor spazierten sagte einer der alten Machthaber: "Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten."

Ja, ein Engel kommt und wir sehen ihn nicht. Maria hat ihn gesehen, das junge Mädchen aus Nazareth und Joseph, ihr Verlobter, Aber wir sehen ihn nicht. Die Weisen haben ihn gesehen aus dem Morgenland und die Hirten unweit von Jerusalem, aber wir sehen ihn nicht. Alle, die den Engel sahen, bekamen einen Wink für ihr Leben, aber wir gehen leer aus, denn wir sehen den Engel nicht. Ich rate allen in der Bibel zu lesen, wenn sie dem Engel begegnen wollen. 

Engel sagen wir und meinen doch immer Gott. In der Bibel müssen wir ihn suchen, dort geht er umher Tag und Nacht und alle, die darin lesen, sehen ihn oder sehen ihn nicht. Ganz logisch ist das nicht. Aber wann waren schon Wunder logisch?

In einem Menschen kam er zur Welt, der Gott, der mal Engel, mal ein Mensch ist. Wie wollte er auch anders kommen, wenn er wollte, dass wir ihn erkennen.

Er verkleidete sich in Armut von Kopf bis zum Fuß; ging barfuss durchs Land, ja, ganz ohne Schuh, von Nord nach Süd, von Ost nach West. Wie gut, dass dieses Land immer noch ein warmes Land ist.

Er aß vom Tisch der anderen und schlief in fremden Betten. Er kam, wie die Obdachlosen heute, die kein eigenes Dach über dem Kopf haben; wurde von allen vor die Tür gesetzt, von einem Haus ins andere geschickt, von einer Stadt in die andere getrieben. Bis er endlich im Ausland Zuflucht fand.

Doch, das will heute keiner wahr haben, die seinen Namen im Taufschein tragen. Ich kann ja verstehen, dass Europa nicht ganz Afrika und Asien aufnehmen kann. Aber alle wollen auch nicht nach Europa. Es sind immer nur die, die in Not sind.

Ich weiß, ich mache mir mit diesen Gedanken keine Freunde. Aber, wenn ich daran denke, was geschehen wäre, wenn das Ausland meinen Heiland nicht aufgenommen hätte, wird mir in der Seele angst und bange.

Ich spreche von dem Mann, der die Themen des neuen Testamentes diktiert hat. Ein Buch hat er nicht geschrieben und keine Briefe hinterlassen. Die Titel König und Rabbi, die ihm durchaus angemessen waren, hat man ihm aberkannt. Als er wegging, sagte er zu seinen Freunden, von jetzt an müsst ihr mich vertreten. Sagt allen alles und lasst nichts weg, was ich gesagt und getan habe. Ändert auch nichts an dem, was vor euren Augen geschah.

Als einmal einer ihn fragte, wie lange er gedenke fort zu bleiben, antwortete er: das weiß ich nicht; Gott allein weiß es und auf ihn verlasse ich mich. Für sich hat er kein Wunder getan, immer nur für andere. Denn nicht ihm, sondern anderen sollte es gut gehen.

Das Gefäß, aus dem er zuletzt getrunken hat, wurde nicht aufgehoben. Nichts sollte an ihn erinnern. Seine Kleider hat man ihm ausgezogen und anderen gegeben. Nackt wurde er gekreuzigt; vor aller Augen schamlos verspottet.

Aber das letzte Wort, das allerletzte, das er gesprochen hat, ist uns geblieben wie ein Vermächtnis. Das Wort, das mein Leben verwandelt hat: "Vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun."

Darin stecken all die Themen, von denen er gesprochen hat: Die "Perle" und der "Schatz im Acker", das "Weizenkorn", das sterben muss, der "Sauerteig" und das "Senfkorn".

Wussten sie wirklich nicht, was sie taten? Doch, Pilatus wusste es, der den Befehl gab ihn zu kreuzigen und die Hohenpriester wussten, die ihn vor das römische Gericht zerrten. Auch die Menge wusste es, die schrieen: "kreuzige ihn, kreuzige ihn". Und die Soldaten haben es gewusst, die ihn ans Kreuz genagelt haben.

Am meisten hat ihn wohl geschmerzt, dass Petrus ihn verleugnet hat. Aus Angst sein Leben zu verlieren, sagte er: Ich kenne Jesus nicht. Sie wussten alle, was sie taten. Gerade darum wird es ihnen auch vergeben.

Wer nichts weiß, braucht nicht dafür zu haften. Gnade springt für die ein, die wissen, was sie tun. Vergebung ist mehr als Entschuldigung; ist ein Anfang und kein Ende. Gottes Schicksal in Menschenhand, so hat er sich erniedrigt, der Mann, dem nichts zu viel war um seine Liebe zu zeigen. Er starb als Niemand, nur von wenigen erkannt.

 Er hat sich nicht auf Engel gestützt, die makellos sind, sondern auf Menschen, die Fehler machen. Ihnen hat er das Himmelreich anvertraut: Die Schlüssel, die Türen und alles, was dorthin führt.

 

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi


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