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Das Thema:

 Oktober 2008

Liebe Leserin, lieber Leser,

in der Allgemeinheit hat das Erntedankfest an Bedeutung verloren. Heute spielt sich dieses Fest im Wesentlichen hinter Kirchen - und Gemeindetüren ab. Aber deshalb ist es doch eine gute Sitte sich wenigstens einmal im Jahr dessen bewußt zu machen, dass wir von den Segensgaben leben, die Gottes gute Schöpfung für uns bereit hält. Wir leben aber auch davon, was der eine für den anderen tut, gleich, ob für Geld oder ohne Geld. wenn mir einer geholfen hat, sage ich danke. War es eine große Hilfe, sage ich, ohne ihre Hilfe hätte ich es aber nicht geschafft. Darüber freuen sich alle. Aber in dieser Intensität kommt es leider selten vor. Nicht, dass ich nicht auf Hilfe angewiesen wäre, im Gegenteil. Ich muss sogar sehr viel Bitte und Danke sagen, mehr als es mir lieb ist. Irgendwie zuviel Abhängigkeit macht uns klein. Und das haben wir nicht gern. Wer möchte an seine Grenzen erinnert werden. Für eine Rechnung über 30 Euro im Restaurant gebe ich dem Kellner 2 Euro Trinkgeld. Beträgt die Rechnung aber den doppelten Betrag kann es sein, das ich 4 Euro und mehr Trinkgeld gebe. Beide Male höre ich aber nur ein beiläufiges „Danke“. Ich frage mich, müsste da der Dank nicht kräftiger und überzeugender ausfallen? Doch, wie soll man den Dank steigern? Vielleicht mit „Herzlichen Dank“? Selbst das kann abstumpfen und zur Gewohnheit werden.  Schließlich kann mir die Bedienung nicht deshalb um den Hals fallen. Mir persönlich geht es ja auch nicht anders. Einmal allerdings erlebte ich, wie der Kellner sagte: "Danke, kommt aber selten vor". Eine andere Art der Steigerung von Dank? vielleicht.

Ein israelischer Freund sagte mir einmal,  die Deutschen danken zu viel und zu schnell. Kaum hat man etwas gesagt oder getan, hört man das obligatorische: Danke. Bisweilen ist es ein hin und her: Danke, Bitte, Dankesehr, Bittesehr. Es zeugt zwar von guten Manieren, aber viel mehr als eine Höflichkeitsformel ist es nicht. Würde es aber fehlen, stünden wir als aufgeblasen und ungebildet da. Das will sich auch keiner nachsagen lassen. Wo ist der Mittelweg?

Kein Mensch schafft alles allein. Wir sind alle aufeinander angewiesen. Ich wohne in einem Haus, das andere für mich gebaut haben. Ich esse und kleide mich mit Produkten, die andere für mich gekocht und genäht haben. Ohne die Schule wüsste ich viel weniger über mich selber und die Welt Bescheid. Und brächte mich keiner auf den Friedhof, wenn ich gestorben bin, der Schaden für meine Umgebung wäre immens. Die Abhängigkeit zeigt uns den Platz, der uns zusteht in dieser Welt. Mit der vorgegebenen Ordnung wollte Gott uns aber nicht klein halten, sondern uns eine Orientierung zum Leben geben. Übrigens, Gott selber macht sich auch von Menschen abhängig. Er könnte zwar auch ohne unser zutun die Dinge die anstehen erledigen, aber er macht es nicht. Würden wir ihm nicht dabei helfen die Hungernden zu sättigen, müssten noch mehr Menschen verhungern. Jesus war nicht ehrgeizig und stolz, die fünftausend Menschen alleine zu sättigen. Er nimmt die fünf Brote und zwei Fische des kleinen Jungen und verzichtet auf ein spektakuläres Wunder. Aber zugleich macht er sich von dem Knaben abhängig. Sicher hat Jesus nicht nur seinem Vater im Himmel gedankt, sondern auch Menschen, die ihn und seine Jünger versorgten. . Wahrhaft, wir sind auf einander angewiesen, aber auch auf Gott, dem wir eigentlich unser Leben verdanken. Der Dank an Gott fällt uns allerdings nicht so schwer wie der Dank an Menschen. Sicher hat es damit zu tun, dass wir Gott nicht sehen und hören. Ich kann viel leichter einen Dank schriftlich fixieren als ihn aussprechen. „Fernstenliebe“ ist einfacher als Nächstenliebe. Fordern ist einfacher als bitten. Auch wenn derzeit die Dankbarkeit nicht den Ton angibt, ausgedient hat sie noch lange nicht. Dankbare Menschen leben ruhiger und zufriedener. Sie haben das Staunen noch nicht verlernt. Vielleicht ist Dankbarkeit eine Lebenseinstellung, die auch gelernt werden kann. Ich habe sie geschenkt bekommen.

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi


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