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Das Thema:

 November  2007

Liebe Leserin, lieber Leser,

als wir nach Hause kamen, piepte der Anrufbeantworter und signalisierte uns eine Aufzeichnung. "Bitte kommen Sie, so schnell Sie können" sagte eine schwache Stimme, die ich gut kannte. Ich ahnte Unheil und sagte zu meiner Frau, komm, lass uns gleich hinfahren. Wir hatten uns zwar für den Abend etwas vorgenommen, aber dieser Besuch schien mir entschieden wichtiger. Zuletzt hatte ich sie vor einem viertel Jahr besucht. Sie lag immer noch im selben Zimmer in einem Gitterbett im Hospiz. Als sie uns sah, kamen ihr die Tränen: "Dass Sie noch kommen," sagte sie, "damit habe ich heute nicht mehr gerechnet. Aber ich freue mich sehr." Freude? an Freude hatten wir nicht gedacht, als wir kurz entschlossen uns auf den Weg machten. Mag der Krebs noch so wüten und Hoffnungslosigkeit ausbreiten, was kann er gegen spontane Freude tun? Nichts. Mag er am Ende auch die Wette gewinnen, allein der Freude ist Ewigkeit verheißen. Ich ziehe den Stuhl näher ans  Bett, um sie besser zu verstehen, während meine Frau am Tisch Platz nimmt. "Warum holt mich Gott nicht heim, ich bete schon seit einem halben Jahr darum. Ich habe den Eindruck, meine Gebete gehen nur bis zur Decke." Was sollte ich darauf antworten? Ich bin genau so hilflos wie sie. Hat  sie nicht sogar Recht mit ihrer Annahme, denke ich und versuche ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Früher war sie eine treue Gottesdienstbesucherin. Ich nenne ein paar Namen, von Menschen, die sie noch immer kennt. Ich erzähle von ihnen. Sie hört interessiert zu, kommt aber gleich wieder auf ihre Frage zurück. Ich merke, ich muss dazu Stellung nehmen. Ich sage, dass wir in diesem Jahr den 400. Geburtstag des Liederdichters Paul Gerhardt feiern. Sie weiß es bereits und erzählt, dass sie In den langen Nächten oft seine Texte betet. "Sie sind gerade für mich geschrieben", fügt sie hinzu. Ich spreche Verse aus seinen Liedern, die sie gerne mitspricht: "Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann." Aber wann ist es soweit? Sie möchte sterben und kann nicht, während andere leben wollen und sterben müssen. Wer kann diese Frage abschließend beantworten? Dennoch hat sie mich bestellt, weil sie Vertrauen zu mir hat. Aber so viel Trost wie sie es nötig hätte habe ich nicht bei mir. Ich ringe innerlich mit mir um Klarheit und um ein Wort, das ich in dieser Lage sagen kann: Jesus, du und ich, wir beide wissen es, dass Trost nicht zu jeder Zeit zu haben ist. Manchmal muss erst ein Engel kommen, der ihn bringt, wo auf Menschen kein Verlass ist. Bei dir sind die Jünger eingeschlafen, wo sie hätten wachen sollen zu deinem Trost und Stärkung. Und bei mir? Ich möchte ein Wort sagen, das mehr ist als eine Vertröstung auf Jenseits, wo alle Fragen beantwortet werden, die hier offen geblieben sind. Ein Wort, das mit ihr geht durch diese Zeit und das Unbekannte,  ein Wort, das mehr ist als eine Antwort von mir. Ich möchte trösten und bin doch selber leer. Ich möchte etwas geben und weiß nicht was. Wo ist der Halt, wo kein Halt mehr ist? Sag, woran hast du dich denn gehalten, als alle dich verließen? Schick den Engel, einen von den zwölf tausend Legionen, die auf dich hören, dass er diese deine Schwester hinüber geleitet zu dir, wo kein Leid und Schmerz mehr ist. Bevor wir uns verabschieden, beten wir noch zusammen und sie spricht das Vaterunser mit. Zuhause noch hatte ich einen Moment lang mich gefragt, ob ich ihr das Abendmahl reichen sollte. Aber ich verwarf es sogleich; hatte ich doch schon einmal damit einem Kranken einen Schrecken eingejagt. Die Schwester kommt herein und will ihr das Abendessen reichen. Fast bin ich froh darum. Ich fasse ihre Hände und spreche den Segen über sie: Der Herr behüte dich vor allem Bösen; er behüte dein Leben. Der Herr behüte dich, wenn du fortgehst von hier und wieder kommst nach Hause; von nun an bis in Ewigkeit. Während ich ihnen diesen Bericht schreibe, lebt sie noch. Gottes Zeit und unsere Zeit ist nicht deckungsgleich.

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi


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