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Das Thema:

 Juni 2008

Liebe Leserin, lieber Leser,

beten wollen und nicht beten können, ist an und für sich auch schon ein Gebet, sagt der Schriftsteller Gotthold Epfhraim Lessing. Aber wenn Ihnen das nicht reicht, schreiben Sie einfach einen Brief an Gott. Schreiben Sie sich auf, was Sie immer schon Gott sagen wollten und von ihm erbitten. Sie können klagen und weinen und können Gott Vorhaltungen machen, wie die Beter in den Psalmen, wie Hiob in seinem großen Leid. Keiner hört und schaut zu. Sie sind allein mit Gott. Sie brauchen sich nicht zu schämen. Schicken Sie den Brief auch wirklich ab. Aber wohin? Einfach an den lieben Gott. Die Kinder tun es auch, wenn sie an den Weihnachtsmann schreiben. Ganz sicher kommt ihr Brief an. Vielleicht macht ihn einer von der Post auf und übergibt ihn einer Kirchengemeinde. Wer weiß, vielleicht verwendet ihn der Pfarrer bei der nächsten Predigt als Illustration für sein Thema. Ein Gottesdienstbesucher in der Bank hört es und sagt: Genau das könnte ich auch machen. Auch mir fällt das Beten schwer. Ist Ihr Brief nun angekommen? Ich meine ja. Vielleicht sind Ihre Wünsche noch nicht erfüllt. Aber Sie haben sich von der Seele geredet, was sie bedrückt und was ihnen Freude macht. Und nicht zu irgend einem, sondern zu Gott. Jeder Seelsorger würde sagen, das ist bereits die halbe Erfüllung Ihres Gebetes. Mit Gott schriftlich zu verkehren ist einseitig. Es kommt keine Antwort zurück. Genaugenommen, wenn Sie die Hände falten auch nicht. Und doch sind wir nach dem Beten anders als vorher. Es tut sich wirklich etwas, wenn wir beten. Ob mit gefalteten Händen oder schriftlich. Manchmal erfüllt  Gott unsere Bitten nicht, weil es so besser ist für uns. Es fragt sich, ob das nicht bereits auch eine Erfüllung ist. Gott gibt uns nicht alles, was wir wollen, das ist wahr, aber alles, was wir brauchen. Genau wie jede vernünftige Mutter und Vater ihrem Kind nicht alles geben, was es will. Und schenken ihm doch ihre Liebe ganz. Statistisch gesehen beten die meisten Menschen nicht und es geht ihnen blendend; sagte mir eine Frau vorwurfsvoll, die an einer bösen Krankheit leidet. Wollte sie sagen und mir geht es schlecht, obgleich ich regelmäßig bete? Warum müssen wir überhaupt beten? Nur weil es Jesus geboten hat? Nein, weil er selber gebetet hat. Im Gebet hat er sich Gott untergeordnet. Beten macht uns klein vor dem großen Gott. Vielleicht gerade deshalb beten viele Menschen nicht, weil sie nicht klein werden können. Haben Sie immer Lust zum Beten? Von mir kann ich das nicht behaupten. Dennoch bete ich, nach Möglichkeit regelmäßig, damit ich nicht aus der Übung komme und in der Not nicht weiß, wie ich wieder anfangen sollte. Man kann ja so leicht die Verbindung zu Gott verlieren. Wie zu Menschen, mit denen man lange Zeit nicht kommuniziert hat. Vor allem möchte ich auch mein Versprechen einhalten, gegenüber denen, die mir immer wieder sagen, "Bitte beten Sie für mich." Neulich sagte eine Andachthörerin: "Ich glaube, Ihr Gebet hat mehr Gewicht bei Gott." Das hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ich konnte ihr nicht widersprechen, da sie es anonym auf meinen Anrufbeantworter gesprochen hatte. Wahrscheinlich hätte ich ihr gesagt, für wen halten Sie mich eigentlich. Ich bin doch auch nicht besser als Sie. Gott hat nicht einmal alle Gebete seines eingeborenen Sohnes erhört. Ich denke dabei an das letzte Gebet Jesu vor seiner Gefangennahme im Garten Gethzemane: "Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber." (Matth.26,39) Nein, offensichtlich war es nicht möglich. Aber das einzusehen und anzunehmen, ist wohl das Schwerste bei allen Gebeten. Wollten wir warten bis das Gebet uns zum Bedürfnis wird, darüber können wir alt werden. Ich möchte jedem Mut zum Beten machen. Denn wer betet braucht die Verantwortung für sich und andere nicht allein zu tragen, sondern er beteiligt Gott an seinen Sorgen und Kümmernissen. Das nimmt den Sorgen viel von ihrem Gewicht. Angesicht von Leid und Katastrophen in der Welt sind wir oft sprachlos. Die einzige Möglichkeit wieder handlungsfähig zu werden, ist Gott alles zu klagen und ihn um Kraft zu bitten der Situation Stand zu halten.

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi


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