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Das Thema:

 Juli 2007

Liebe Leserin, lieber Leser,

Wir lesen zu Hause jeden Morgen eine Andacht aus einem Abreißkalender. Im Urlaub reichen wir die Blätter an andere weiter. Kennen wir aber keinen, so legen wir das Blättchen aus, in der Hoffnung, es wird sich schon einen finden, der es liest. Wer kann es ganz ausschließen. Schauen wir dann wieder hin, ist es meistens weg. Das ist für mich immer meine Morgenfreude. Vielleicht sind wir darin etwas blauäugig. Aber macht nichts. Noch ist keiner dadurch zu Schaden gekommen. Ich denke darüber nach, wie es sein könnte, wenn einer die Andacht tatsächlich gelesen hat und nach Hause geht. Möglich, dass er es auch gleich in den Papierkorb wirft. Man kann ja auch nicht alles aufheben, was einem unter die Finger kommt. Tatsache ist, was wir sehen, lesen, und hören, bleibt bei uns zur weiteren Verwendung. Auch wenn wir es bald wieder vergessen, so ganz verloren geht es dennoch nicht. Wer hat es nicht schon wiederholt erlebt, längst Vergangenes und vergessengeglaubtes oder Teile davon ist plötzlich wieder da, wenn wir in die Situation kommen, wo wir es brauchen könnten. Auslöser dafür kann ein Erlebnis sein  oder ein Text, den wir irgendwann gelesen haben. Alles kommt in Frage. Wer kennt sich so, dass er wüsste, warum dieses oder jenes sein Inneres anrührt? Warum muss ich bei dieser Handbewegung an meinen Lehrer denken, der seit 50 Jahren tot ist? Warum denke ich ausgerechnet jetzt beim Essen an eine bestimmte Situation in der Gemeinde, die ich im vergangenen Jahr erlebt habe? Ich weiß es nicht. Tatsache ist, dass Gegenwärtiges oft an Vergangenes erinnert. Ein Mensch den wir sehen, ein Duft, den wir riechen, eine Stimme, die wir hören, ist nicht in allem völlig neu. Es hat

Seinesgleichen gehabt und wird es wieder haben. Vielleicht hat der römische Dichter Ovid recht: Nichts vergeht, alles wechselt nur seine Form und Gestalt. Eine Sache erinnert an die andere. Irgendwie sind wir alle und alles mit einander verknüpft und verwoben. Auf Wiesen und Wald, auf Zweigen und dem Blattwerk liegt der Frühling schwer. Kein Blatt und Grashalm ist ausgespart. Alles grünt und blüht. Und weil ich ihn nicht sehen kann, schickt er mir seinen Duft entgegen. Ich sitze am See. Es ist Abend. Die Luft ist lau. Das Schilf rauscht sanft im Wind und verstreut geheimes Geflüster ins Land. Die letzten Vögel singen ihr Abendlied zu Ende und gehn nach Haus. Ich falte die Hände und lobe den Schöpfer für sie und für mich. Hinter mir knarrt ein Baum und schließt die Tür. Ein Tag geht zu Ende. Friede legt sich über das Land. Ich denke an Zuhause; an Geborgenheit und an zu zweit. Könnte es doch so bleiben, sagt das Herz dem Kopf. Aber der Kopf hat hier wenig zu sagen. Ich versuche mich auf die Worte der Losung zu besinnen, die ich heute morgen gelesen habe. Den Wortlaut habe ich vergessen. Ich weiß nur noch, da war vom Frieden die Rede. Aber warum fällt mir das jetzt ein? Vielleicht ist die Stimmung des Abends der Grund dafür. Ich lass es stehen wie ein Geheimnis, das ich nicht entwirren kann. Denn so bald wir uns das Geheimnis erklären, rauben wir ihm seine Kraft und Schönheit. Die Bibel ist voller Geheimnisse. Einige wüsste ich zu gern erklärt. Zum Beispiel, warum gibt es Hunger und Katastrophen in der Welt? warum gehört das Leid zum Leben? Warum werden wir an einander schuldig? Wir wollen alle friedlich zusammen leben und können es doch nicht. Dass auch Jesus nicht alle Geheimnisse Gottes gekannt und verstanden hat, ist mir ein großer Trost in Zeiten wo Zweifel stärker sind als der Glaube.

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi


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