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Das Thema:

Januar 2011

Aufräumen und weggeben

Liebe Leserin, lieber Leser, wie hat das Jahr bei Ihnen angefangen? Bei mir sieht es mühsam aus: Ich möchte bei mir aufräumen und wegwerfen, was mich belastet und mir Streß verursacht.

Manchmal bekomme ich einen Rappel und würde am liebsten alles rauswerfen, was nicht auf meinen Schreibtisch hin gehört. Da fängt auch schon das Problem an. Was gehört hin und was nicht? Mir ist einfach die Zeit dafür zu schade alles Blatt für Blatt durchzuschauen. So bleibt vieles liegen und ich muss mich ab und zu ärgern.

Wenn ich Besuch bekomme, habe ich ein Sprüchlein parat: Bitte entschuldigen Sie, die Unordnung auf meinem Schreibtisch. Im Grunde möchte ich nur hören, wissen Sie, bei mir ist es auch nicht viel besser. So trösten wir uns gegenseitig und ich bin vorerst beruhigt. Das Problem ist aber damit nicht gelöst.

Doch der Schreibtisch allein ist es nicht. Schon seit einigen Jahren beschäftige ich mich mit dem Gedanken, wie ich am besten nutzbringend meine Bücherregale leer bekomme. Da kam mir der Anruf vor einem Jahr gelegen. Sie fragte, ob es die Bibel auch in hebräischer und griechischer Brailleschrift gäbe. Sie ist blind geboren, hat ihr Abitur gemacht und sich an der Uni zum Theologiestudium angemeldet.

Ja, es gibt sie, sagte ich und freute mich innerlich, dass ich ihr helfen kann. "Sie können alles von mir umsonst haben und dazu viel Fachliteratur. Was solls, dass ich in karger Zeit so viel Geld dafür ausgegeben und manche Entbehrung auf mich genommen habe. Ja, noch mehr, ich habe mir viele der Bücher selber abgeschrieben oder abschreiben lassen, weil es sie in Blindenschrift auf dem Büchermarkt nicht gibt.

Mit jedem Buch ist so viel Erinnerung verbunden, wie ein Buch Seiten hat. Ein Reichtum, der bleibt, auch wenn die Bücher fort sind. Dennoch trenne ich mich ungern von ihnen.

Seit einiger Zeit habe ich ein neues Studium angefangen. Bin auch schon im zweiten Semester. Ich studiere das Fach wie man aufräumt, Wertvolles weggibt und verzichten lernt. Ein schweres Studium, das ich mir selber beibringe.

Haben und besitzen muss man nicht groß lernen. Es kommt von allein. Aber das weggeben geht verdammt schwer. Immer schon habe ich mich mit meinen angeborenen und erworbenen Grenzen schwer getan.

Manchmal dachte ich, Gott müsste einem in all den Widerständen des Lebens ein untrügliches Zeichen geben, das einem hilft zurecht zu kommen. Genau das macht aber Gott nicht oder man muss lange darauf warten. Jochen Klepper hat es uns vorgemacht. Er sagt: dies ist eben sein Zeichen dass er einen durchhalten, wagen und dulden lässt.

Ich gestehe, gebetet habe ich darum nicht. Aber vielleicht sind ja meine Überlegungen auch so etwas wie Gebet. Ich traue Gott zu, dass er auch ungefragt uns gibt, was wir brauchen.

Einen kleinen Teil meiner Bücher werde ich behalten. Zum Beispiel die Lutherbibel. Nicht allein, weil ich noch predige und Gottesdienste halte. Ich brauche meine Bibel, ist sie mir doch in all den Jahren ans Herz gewachsen. Jeden morgen nehme ich sie buchstäblich in den Arm und lese darin. Die Einzigartigkeit der Bibel besteht nicht im geschriebenen, sondern im gelesenen Buch. Darauf führe ich die Kraft zurück, die ich zur Überwindung meiner Ängste und Sorgen brauche.

Das Evangelium drückt das aus, was kein Mensch von sich aus wissen kann und worüber zu schweigen unmöglich ist, dass wir für Gott wichtig sind. Woher sollten wir wissen, dass Gott gnädig ist, wenn nicht durch die Bibel. Am liebsten würde ich meine Bibel mit ins Grab nehmen, wäre sie nicht so umfangreich. Im Regal braucht sie zwei Meter.

Der Versand von Blindenschrift Erzeugnissen ist international kostenlos. So wandern die Bücherkartons seit einem Jahr gefüllt hin und leer zurück. Und das wird noch eine Weile brauchen.

Ist schon die Aufräumarbeit im Haus schwer genug, wie wird es werden, wenn ich beginne im Kopf und Herzen aufzuräumen. Da wird mir wohl Gott eine doppelte Portion Entschlusskraft geben müssen.

 

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi