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 Januar 2009

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Adventzeit liegt hinter uns. Vieler Orts wurden Spenden und Kollekten gesammelt für Brot für die Welt. Vielleicht ist auch Ihre Spende dabei.

923 Millionen Menschen leiden unter akutem Hunger. Ich habe deshalb an Gott einen offenen Brief geschrieben und ihn im Gottesdienst vorgelesen. Es geht so:

 

Gott, ich wollte dich mal etwas fragen. Vielleicht kannst Du es mir ja beantworten, wenn ich bete oder in der Bibel lese. Ich wüßte nicht, wie Du anders reden kannst. Warum gibt es so viel Ungerechtigkeit in der Welt. Ich selber bin auch nicht frei davon. Warum so viele Menschen, die dem anderen das Leben streitig machen.

 

Jahr für Jahr geben wir Milliarden aus, um die Hungernden zu sättigen. Und wenn man hinschaut, hat sich an ihrer Situation kaum etwas geändert. Am besten machst Du alles selber. Ist mein Vorschlag. Aber das geht ja nicht. Hast Du uns nicht zu Deinen Partnern geschaffen? Wozu hast Du uns Hände und Füße gegeben? Wozu ein Kopf, der denkt und ein Herz, das mitfühlt.

 

Ich sehne mich nach einer Welt, wo die Wölfe den Lämmern nichts tun und die Löwen die Kälber nicht auffressen. Wo Kinder mit der Giftschlange spielen und die Skorpione die Arglosen nicht beißen. Wo Freundschaften nie mehr auseinander gehen und ich immer Lust habe an Gott zu denken. Ich sehne mich nach diesem Land, wo die Gläubigen den Ungläubigen ihr Recht lassen und keiner den anderen bevormundet. Wo die Gelehrten auch etwas von denen lernen, die nur die Volksschule besucht haben. Ich träume von jener Gegend, wo Europa so nah an Afrika heran gerückt ist und Amerika an Asien, dass sie fast Nachbarn wären, wenn nicht das Mehr dazwischen läge.

 

Ich weiß nicht, ist es Sciencefiction oder Traum. Wir waren in Jerusalem und glaubten unseren Augen und Ohren nicht. Da saßen tatsächlich die Palästinenser mit den Israelis zusammen an einem Tisch und aßen aus einer Schüssel. Die Amerikaner fragten, was ist denn hier los und die Europäer sagten, jetzt braucht ihr uns nicht mehr.

 

Ich sehne mich nach diesem Land, von dem so viel und so lebhaft in der Bibel steht, als wären die Erzähler gerade von dort zurückgekehrt. Allen voran der Prophet Jesaja, wenn er schreibt: "Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panter bei den Böcken schlafen. Man wird nirgends Sünde tun, noch freveln auf meinen ganzen heiligen Berg. Denn das Land wird voll Erkenntnis des Herrn sein, wie Wasser das Meer bedeckt." (Jesaja 11,6.9)

 

Soviel Gottesfurcht, soviel Glauben, wie Wasser in die Meere und Ozeane hineinpasst? 75% der Erdoberfläche besteht aus Wasser. Das übersteigt meinen Verstand. Ich habe mir gesagt, pack deine Zweifel weg. Probiere es doch auch mit dem Glauben an Gott. Glauben lernt man ja nicht auf einmal. Es dauert lange, ein Leben lang. Glauben lernt man auch nicht ein für allemal. Jeden Tag muss man neu ansetzen.

 

Man hat den Glauben mit der Sonne verglichen. Mal scheint sie, mal nicht. Man hat es nie im Griff. Und dennoch können wir etwas dafür tun, dass unser Glaube die Schwankungen des Lebens wenig beschadet übersteht. Was ist zu tun? Dem Glauben mehr Nahrung geben.

 

Ich beginne den Tag mit einem Gruß an Gott an. Ich denke an Gott und Gott denkt an mich. Ich habe mir seit Jahren ein Ritual zugelegt. Ich lese ein Stück in der Bibel und höre in mich hinein. Ich stelle mir vor, dass jetzt Gott bei mir ist und dass er mich sieht. Ich werde darüber ruhig und spüre Frieden in mir. Mir tut es gut, den Tag so anzufangen. Sie können dazu auch Andacht oder Morgengebet sagen.

 

vor Weihnachten habe ich mehr adventliche Texte gelesen. Z.B. "Siehe, dein König kommt zu dir, Ein Gerechter und ein Helfer ..." (Sach.9,9) Oder: "Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben und die Herrschaft ruht auf seiner

Schulter ...." (Jes.9,5) Ich halte mich zurück mit Kritik an den Texten. Das tut mir nicht gut. Ich glaube dem, was ich da lese. Ich versuche es jedenfalls.

 

Albrecht Bengel, ein alter Theologe und frommer Christ, hat einmal etwas gesagt, das ich beherzigen möchte: "Nur einem frommen und gläubigen Herzen erschließt sich Gottes Kraft und Herrlichkeit" in den Texten der Bibel. Gottes Segen kommt zu dem, der bereit ist diesen Text als Gottes Wort anzusehen. Wer mit Gott diskutieren will, geht leer aus. Das habe ich mir gemerkt.

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi

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