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Das Thema:

Februar 2012

Freude aus der Schachtel

 

Liebe Leserin,lieber Leser,


die erste Frage, die ich gleich zu Beginn des neuen Jahres zu beantworten hatte war die Frage: Wie sind Sie ins neue Jahr gekommen? "Mit einem Ohrwurm", rutschte es mir geradewegs heraus. Ohrwurm? wunderte sich der andere. Ja, mit einem Ohrwurm und das kam so.

Zwischen den Jahren fand in Berlin das internationale Jugendtreffen der Kommunität von Taizé statt. Wir hatten bei uns Zuhause sechs der 30 Tausend Dauerteilnehmer aufgenommen. Mit ihnen besuchten wir auch einige ihrer Veranstaltungen und Gottesdienste. Immer wieder wurde ein einprägsames Lied gesungen, das mich sehr angesprochen hat. Es endet mit dem Satz: "Gott ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich."

Wie ein Ohrwurm begleitete es mich den ganzen Tag. Es verließ mich auch dann nicht, als wir nach dem Silvestergottesdienst in ein Inferno von Feuerwerkskörpern gerieten, das uns total konfus machte. Meine Frau verlor dabei die Orientierung, so dass wir statt nach Hause zu gehen, wieder den Weg zur Kirche einschlugen.

Ohrwurm hin, Ohrwurm her, eigentlich ein schönes Motto für 2012, das noch so jung vor uns liegt. Aber zwischen Wunsch und Tat liegt eine große Kluft, die schwer zu überbrücken ist.

Ich rechne mit Gott und habe es immer schon getan, aber wie schwer ist es sich darauf zu verlassen, dass er einen guten Weg für mich hat. Ich verstehe ihn oft nicht.

Am liebsten helfe ich mir selber. Da weiß man gleich was man hat und nicht hat. Und doch will ich gegen aller Vernunft von Gott nicht lassen, will denken und handeln wie Jesus, auch wenn das vollmundig klingt.

Ich werde etwas ganz einfaches machen, was alle machen, die Gott lieben. Ich werde beten und Gott wird mir glauben. Ganz bestimmt. Das ist die Kraft, die ich dazu brauche. Ich muss unbedingt lernen nichts für selbstverständlich zu halten, sei es auch nur die kleinste Handreichung.

Wie man eine Freude zweimal erlebt, davon möchte ich jetzt erzählen. Wir haben das ganze Jahr über unsere größten Freuden gesammelt, sie unabhängig von einander auf kleine Zettel geschrieben und in eine Schachtel gesteckt. Am Silvester nach dem Spätgottesdienst kam dann die zweite Bescherung. Da saßen wir nun gespannt am Sofatisch und holten Zettel für Zettel heraus, lasen, staunten und lasen wieder. Das Feuer des Anfangs war zwar nicht mehr da. Aber die Erinnerung daran hatte wieder alles lebendig werden lassen. Klebt doch an jeder Freude auch etwas Bleibendes und Ewiges. Was war nicht alles wem wichtig gewesen. Wir waren uns einig: Wir haben jede Freude zwei mal erlebt. Von Herzen froh über all das Schöne im Alten - ging es nun ins neue Jahr.

Nichts ist dem Himmel so nah, wie das Gefühl der Dankbarkeit. Gott ist es gleich, aus welchem Herzen es kommt. Die Freudenschachtel steht auch wieder für 2012 auf der Fensterbank.

Wie alle Kirchen am Heiligen Abend, war auch unsere Kirche übervoll. Jeder will wenigstens einmal im Jahr der Krippe ganz nahe sein. Aber so nah wie das Herz, schaffen es die Augen nicht.

Wir wollten diesmal zu den Ersten gehören und kamen wieder zu spät, um vorne einen Platz zu bekommen. Da saß ich nun der Krippe fern und doch so nah wie die Hirten damals. Ich habe mein Weihnachtsgeschenk für das Christkind gleich dort ausgepackt und ihm gegeben, damit er sieht, wie ernst es mir diesmal ist. Er soll es behalten bis in Ewigkeit.

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi