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Das Thema:

Februar 2009

Die Hand zum Gruß

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie vielen Menschen haben wir wohl im Laufe unseres Lebens die Hand gereicht? Die Hand zum Gruß, die Hand zur Freundschaft, die Hand zur Versöhnung. Die Hand um eine Wette abzuschließen, die Hand leider auch um zuzuschlagen.

Deine Hand in meiner Hand, ist ein Stück von dir, das zu mir will. Sie ist die erste höfliche Annäherung, wenn Besuch kommt. Eine schöne Geste, die uns schon in Fleisch und Blut übergegangen ist. .

H.M. hatte im Krieg seine beiden Hände verloren. Als wir uns zum erstenmal begegneten und ich ihm die Hand reichen wollte, sagte er traurig: das ist das Schlimmste, nie mehr einem anderen die Hand drücken zu können. Wem wir die Hand schütteln, mit dem können wir nicht böse sein. Ich kenne meine engsten Freunde und Vertrauten auch an ihren Händen und freue mich immer, wenn ich ihnen die Hand reichen kann, weiß doch keiner, ob und wann er es wieder kann. Eine diskrete und doch tief gehende Körperberührung.

Eine warme Hand, eine feuchte und kalte Hand. Eine schlanke und schöne Hand. Wir reden zwar nicht davon, wenn wir sie einander zum Gruß ausstrecken, aber unbemerkt bleibt sie der Seele nicht.

"Wenn du in Montenegro deinen Finger ins Wasser steckst, bist du mit der ganzen Welt verbunden." Was dort von der Ostsee gesagt wird, gilt in Berlin auch für die Spree und die Havel. Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass jeder Mensch über einigen Zwischenpersonen jeden anderen Menschen in der Welt kennt. Haben Sie gewusst, dass Sie auch schon Präsident Obama, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Putin und Mahmoud Ahmadinejad die Hand geschüttelt haben? Lachen Sie nicht, ich meine es ernst. Von nichts anderem wird heute so viel geredet, wie von Globalisierung. Und jetzt rede ich auch von der Globalisierung unserer Hände.

Jeder Mensch gibt im Laufe seines Lebens unzähligen anderen die Hand. Diese verbinden sich ihrerseits wieder mit anderen Menschen. Mit jedem Händeschütteln knüpfen wir ein Stück an dem Netz, das die ganze Menschheit umspannt. Neulich klagte eine Frau darüber, wie einsam sie doch wäre, seit ihr Mann gestorben ist. Es vergehen manchmal Tage, ja Wochen, bis sie einem Menschen wieder die Hand reichen kann. Ihr Leben bietet einfach keine Gelegenheit dazu.

Gestern erreichte mich ein langer Brief einer 94jährigen Frau. Sie schreibt: Wir kennen uns nicht und doch habe ich den Eindruck, dass wir alte Bekannte sind. Wenn ich Ihre Telefonandachten höre, komme ich nicht nur Gott näher, sondern auch Ihnen. Ein Brief, ein Telefongespräch, eine E-Mail ist nur eine andere Art einem Menschen die Hand zu schütteln.

Als ich vor kurzem in einem Jubiläumsgottesdienst für die Christoffelmission erzählte, dass ich ihren Gründer persönlich kannte und sein letzter Täufling bin, wollten mir nachher viele die Hand schütteln. Ohne dessen bewusst zu sein, haben sie durch mich auch Christoffel berührt.

Der Apostel Paulus hat Jesus nicht gesehen und hat sich ihm doch durch Petrus und die Jünger, die noch lebten angeschlossen. Sicher gibt es noch andere Formen der Annäherung. Zum Beispiel unsere Taufe, die uns mit Christi Tod und Auferstehung verbindet, der seinerseits zu Johannes dem Täufer eine enge Beziehung hatte. Die Kette ist lang, die uns über Kontinente und Ländergrenzen, ja, über Zeit und Ewigkeit hinweg mit einander verbindet.

Aber bleiben wir noch bei den Händen. "In meine Hände habe ich dich gezeichnet", lese ich in der Bibel, ein Text, der heute dran war. Darüber komme ich ins Nachdenken.

Meine Hände in Gottes Händen, welch eine Zuversicht. Eine leise Freude fliegt von dort zu mir. Ich fühle mich wie beschenkt und weiß nicht warum. Aber kann ich mich denn von Herzen freuen, wenn ich doch weiß, dass Gottes Hand auch hart zupacken kann? Gott packt ja nur zu, damit wir nicht aus seiner Hand herausfallen.

Ob wir es wissen oder nicht, wir sind alle miteinander verwandt und das führe ich darauf zurück, dass unser Ursprung in Gottes Hand liegt. Der Beter von Psalm 139 hat darüber meditiert und kam zu dem vorläufigen Ergebnis: "Wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß! Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Am Ende bin ich noch immer bei dir."

 

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi


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