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Das Thema:

Dezember 2010

Meine Geschichte


Liebe Leserin, lieber Leser,

Dezember ist der Monat, wo Geschichten erzählt werden. Geschichten für Kinder und Geschichten, die auch Erwachsene noch gerne hören. Ist da noch Platz für meine Geschichte?

Ich träume immer öfters davon, ich bin wieder in Benn, 120 km von Isfahan, Iran entfernt, wo ich die ersten Jahre meines Lebens verbracht habe. Genau genommen, bis zu dem Zeitpunkt, da die Krankheit zu uns zu Besuch kam und nicht mehr weggehen wollte.

Wir steigen aus dem offenen Lastwagen aus, wo wir zwei Stunden zusammengekauert auf der Ladefläche gesessen hatten; das einzige Transportmittel das uns die Stadt näher brachte.

Ich bin dick mit Staub bedeckt. Mein Vater nimmt ein Bündel Tuch und schlägt den Staub fort von Gesicht und Kleidern. Dann gehen wir zu unserem Haus am Rand der Schlucht, wo in der Tiefe ein rauschender Bach floss.

Als vor einigen Jahren meine Frau und Kinder Benn besuchten, fragte ich sie Tagelang aus. Ich wollte alles wissen, was ihre Augen gesehen, ihre Ohren gehört und ihr Mund geschmeckt hatte.

Ich wollte mit ihnen die Straßen und Wege erwandern, die sie gegangen. Wollte wissen, ob die Metzgerei noch an der Ecke steht, wo ich als Kind für meine Mutter Lammfleisch holte. "Sag, wie sieht der Platz vor der Moschee aus, wo früher die Schafe geschlachtet und ihre Haut für Wasserschläuche abgezogen wurden?" Und die Wassermühle auf der gegenüber liegenden Seite, steht sie noch?

Sie hatten viel gesehen. Männer auf Eseln, die früh am Morgen zu ihren Feldern zogen, verschleierte Frauen, die von der Quelle kommend kunstvoll den Schlauch auf dem Rücken und den Kessel auf dem Kopf heimwärts trugen. Reichtum wohnte wie eh und je neben Armut und lies sich von nichts stören.

Sie hatten alles gesehen und hatten doch nicht das gesehen, was ich sehe, wenn ich von Benn träume. Aber die Schlucht hatten sie gesehen und den Berg, auf den ich blickte, wenn ich morgens von meinem Schlafplatz aufwachte. Diesen Berg sehe ich auch heute, wenn von Bergen und Tälern gesprochen wird.

In Israel stehen viele Berge. Aber kein Berg ist so schön, wie der Berg Zion, wo der Tempel stand. Die Sehnsucht ist es, die das Kleine groß und das Große klein erscheinen lässt.

Ihnen wünsche ich es auch, liebe Leserin, lieber Leser, dass Sie noch etwas haben, wonach Sie sich sehnen, eine Heimat, zu der Sie unterwegs sind. Es muss nicht immer Himmel sein, Advent auch nicht. Es gibt noch Anderes und Andere, die es Wert sind, auf sie zu warten. Jeder muss das für sich heraus finden.

Früher hatte ich viele Wünsche gehabt. Heute habe ich nur noch einen Wunsch. Ich möchte noch einmal die Schlucht sehen und den Bach, der da unten fließt. Unser Haus steht nicht mehr dort, wo es stand. Die Flut hat es mitgenommen, sagte mein Bruder, mit dem ich mich kürzlich fern der Heimat traf.

Aber was spielt das für eine Rolle? Für mich steht es immer noch dort und wird ewig stehen. Ich kannte jeden Baum und Stein in der Schlucht und die Hühner und den Esel, der mitten im Hof seinen Jungen so ganz ohne Hilfe zur Welt brachte. Sie sind für mich nicht tot. Sie leben noch.

Was meine Eltern für mich tun konnten, haben sie getan. Aber die Folgen der Krankheit haben sie nicht abwenden können. Ich bin deshalb nicht traurig. Kann ich doch mir mein Leben ohne diesen unerbetenen Gast nicht mehr vorstellen. Er wohnt bei mir zur Miete und zahlt doch keine Miete.

Mittlerweile haben wir uns an einander gewöhnt. Ohne ihn hätte ich meine Familie und Glauben nicht. So werden manchmal Feinde zu Freunden, wenn man sich mit ihnen arrangiert.

Ich werde wohl meine Heimat nicht mehr sehen. Vielleicht deshalb träume ich so oft und intensiv von unserem Dorf und den Bergen, die es umgeben. Weil ich nicht dorthin kann, kommen sie zu mir. Träume müssen so etwas sein, wie Ersatz für eine Wirklichkeit, die wir nicht mehr haben können.
 

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi