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 August 2007

Liebe Leserin, lieber Leser,

Anthony de Mello, Autor zahlreicher Anekdoten erzählt von einem Mann, der einen Psychiater aufsucht. Er werde, berichtet er, jede Nacht von einem über dreißig Meter langen Drachen mit drei Köpfen besucht. Er war bereits ein Nervenbündel, konnte nicht mehr schlafen und war am Rande eines Zusammenbruchs. Sogar an Selbstmord hatte er schon gedacht. "Ich glaube, ich kann Ihnen helfen", sagte der Psychiater. "Aber ich muss Sie warnen: es wird etwa zwei Jahre dauern und drei Tausend Dollar kosten." "Drei Tausend Dollar"! rief der Mann erschrocken aus? "Wissen Sie was? vergessen Sie es. Ich werde nach Hause gehen und mich mit dem Drachen anfreunden." Das wäre freilich das Einfachste und Billigste. Wenn es denn möglich ist. Wir erfahren leider nicht, ob er seinen Drachen los wurde. Ängste haben wir mehr oder weniger alle. Aber wie werden wir mit ihnen fertig? Sie tragen verschiedene Namen und haben unterschiedliche Gestalt. Junge Leute haben Angst keinen Ausbildungsplatz zu bekommen. Kinder, dass sie ein schlechtes Zeugnis mit nach Hause bringen. Alte Menschen, dass sie ins Heim kommen oder an einer unheilbaren Krankheit leiden müssen. Eltern, dass ihre Kinder auf falsche Bahn geraten. Behinderte, dass sie keinen Helfer finden. Eine Rollstuhlfahrerin erzählte mir: Ich bete immer, lieber Gott schaff die Treppen ab. Ein Blinder: Jeden Morgen geht die Angst von neuem los, wie komm ich zur U-Bahn? Werde ich einen finden, der mich über die Straße bringt? Ich wünsche jedem einen, der ihm die Sorgen abnimmt.

Allein, viele suchen Hilfe von außen. Und sie geraten oft an die falschen Helfer. Andere flüchten sich in Alkohol und Suchtmittel und betäuben sich mit allerlei Ablenkungen. Sie verdrängen im Grunde damit ihre Ängste.  In stillen Zeiten aber sind die Drachen wieder da, zum Beispiel in der Nacht.

Dadurch, dass wir vor dem Regen fliehen, hört der Regen nicht auf. Anders kann es nur werden, wenn wir uns eingestehen, dass Regen wie die Sonne zu unserem Leben gehört. Wir müssen vielmehr der Angst ins Gesicht schauen. Es war gut, als der Mann aus der Anekdote den Entschluss fasste, ich gehe nach Hause und werde mich mit dem Drachen versöhnen. Das ist auch der Weg, den uns Jesus im Evangelium aufzeigt: "In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. (Johannes 16,33) In seiner Leidensnacht ging Jesus ganz locker auf Judas seinen Feind zu und erwiderte seine Umarmung. Ob er auch den Kuss erwidert hat? Ich traue es ihm zu. Aber, ich hätte es nicht geschafft. Macht sich Gott nicht schmutzig, wenn er die Sünder umarmt? und er macht es trotzdem. Beten kann ich auch für meine Feinde, aber sie umarmen, ja lieben? So leicht geht mir kein "ja" über die Lippen. Allerdings muss ich zugeben, manche meiner Ängste verlieren ihre Drachengestalt, wenn ich sie etwas näher unter die Lupe nehme und mich damit auseinandersetze anstatt sie zu verdrängen. Vielleicht schrumpft der Drache zusammen. Von drei Köpfen bleibt nur noch einer übrig. Vielleicht war der Drache sogar ein Hirngespinst. Vor allem ist es für mich mein Glaube an Gott, der mich im Kampf mit meinen Ängsten stärkt. Wo Gott in unserem Leben größer und stärker wird, werden unsere Ängste kleiner und schwächer. Es ist allerdings eine Illusion zu meinen, wir könnten angstfrei leben, wenn wir nur mehr Glauben hätten. Manche Ängste sind sogar elementar menschlich und lebensnotwendig, weil sie uns vor drohenden Gefahren schützen. Es ist uns schon wesentlich geholfen, wenn die Angst kleiner wird. Wenn es uns gelänge aus dem Kampf mit der Angst gestärkt hervor zu gehen, dann war auch die Angst nicht sinnlos. Es liegt auch in unserer Hand, den Abstieg in einen Aufstieg zu verwandeln. Vielleicht können wir am Ende sagen: Ich bin an meinen Ängsten gewachsen. Übrigens, Ängste, welcher Art und Intensität auch immer, von der Liebe Gottes können sie uns nicht trennen. Das sagt der Apostel Paulus und nicht ich (Römerbrief 8,31 ff.)

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi


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