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Das Thema:

 April 2007

Liebe Leserin, lieber Leser,

als wir vom Frühstück auf unser Hotelzimmer kamen, lag sie auf den Knien und wischte den Fußboden. Wir grüßten kurz und gingen auf den Balkon um nicht zu stören. Gib ihr heute einen kleinen Schein, sagte ich meiner Frau. Heute ist Sonntag. An einem Tag wie diesem, wurden wir beide beschenkt. Wären sich unsere Eltern nicht gut gewesen, wären wir nicht auf der Welt. Die Liebe macht die Menschen großmütig. Du bist am Sonntag geboren und ich am Sonntag getauft. Ostern war auch ein Sonntag. Seit her ist Sonntag der König unter den Tagen. Gib nicht was dir gehört, gib nur von dem, was du empfangen hast. Und dann, als sie ihr den Schein in die Hand drückte, wurde sie Zeuge dessen, wie Freude wachsen kann: vom Kinn bis zum Scheitel. Wie groß kann denn Freude überhaupt werden? Ich staune, wie viele Menschen es immer noch gibt, die sich im Zeitalter des Wohlstandes über Geringfügigkeiten freuen können. Andere müssen erst vor einem Freudenberg stehen, um ihn wahr zu nehmen. Gewiss, die meisten Freuden sind Ad-hoc-Freuden. Sie entstehen und vergehen schnell. Ein Blick aus dem Fenster, ein Wort vom Nachbarn über den Zaun und die Stimmung hebt sich wer weiß wie hoch. Das ist es, was der Freude Größe und Format verleiht. Aber Freude  die länger hält als für einen Augenblick, muss eine Entwicklung durchlaufen, sich in Tiefen und Höhen bewähren. Wenn wir vom Frühstück aufstehen, wo wir mit einer Hausandacht den Tag vorbereitet haben, bin ich noch lange mit dem beschäftigt, was ich gehört und gelesen habe. Oft ist es nur ein kleiner Gedanke, der mir eine leise Freude ins Herz einhaucht. Vor einiger Zeit lasen wir in einem Buch, das ich zum Geburtstag bekommen habe einen kleinen Text von Johann Heinrich Pestalozzi: "Wer sich heute freuen kann, der warte nicht bis morgen." Dass ich mich nach Wochen noch daran erinnere, verdanke ich der Tatsache, dass ich mich damit beschäftigt habe. Gedanken sind oft flüchtig. Sie klopfen an, bleiben aber nicht stehen, wenn man ihnen nicht gleich aufmacht. Der Liederdichter Benjamin Schmolck hat diesen Gedanken in einem Lied, das wir oft im Gottesdienst singen in Zeilen gefasst: "Tut mir auf die schöne Pforte, führt in Gottes Haus mich ein; ach wie wird an diesem Orte meine Seele fröhlich sein." (EG 166) Mein Text von der Hausandacht macht sich mir oft zum Reisegefährten; begleitet mich durch den Tag, beteiligt sich an meinen Gesprächen und Entscheidungen. Am liebsten ist mir ein unbequemer Gedanke, den ich nicht gleich auf anhieb verstehe und der mich dennoch nicht loslässt. Am Ende des Tages, kann aber auch schon mal am Morgen sein, feiern wir zusammen ein Fest. Er, weil er mir Freude gebracht und ich, weil ich es war, an den er sich angehängt hat. Wieder ein mal bewahrheitet sich jener Satz, der das Motto der Telefonandachten bildet: Wer sich mit Gott beschäftigt, mit dem wird sich Gott beschäftigen. Wir sind längst aus dem Urlaub zurück. Die Geschichte könnte sogar ein/ zwei Jahre zurück liegen. Sie ist aber immer noch in meiner Reichweite. Ich frage mich wieder und wieder: Was macht es, dass dieses oder jenes unser Inneres anrührt? Die Erklärung, die ich von Erhart Kästner einmal gelesen habe ist mir einleuchtend. Ich zitiere es aus dem Gedächtnis: Anderswo und anderswann Empfundenes summt immer von selber mit, in leisen, tiefen und hohen Tönen, was immer wir auch gerade tun mögen. Wir sehen nicht Bilder, sondern Bilder hinter Bildern wie in einem Spiegelsaal. Ich sitze im Konzert und bin nur noch Ohr. Plötzlich geschieht es, dass Teile einer Melodie, ja eines Klanges gar meine Seele anrührt und in mir Empfindungen aufruft, die ein Menschenalter zurück liegen. Der Klang einer Stimme erinnert an eine Geliebte oder Gehasste, der Duft einer Blume an erfüllte oder unerfüllte Sehnsüchte. Es ist so und ich weiß nicht warum. Muss ich es denn wissen? Ich fühle mich so schon über Maßen reich beschenkt. Staunen ist eine Spielart des Reichtums, der nicht die Taschen, sondern die Herzen füllt.

 

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Osterfest.

Pfarrer Abbas Schah-Mohammedi


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